Strukturelle vs. funktionelle Frontalhirnstörungen

(Philosophische Theorien zum Neuro-TÜV? – 3)

Es ist übrigens bekannt, dass verschiedene Menschen mit einem solchen Konflikt (s. letzter Beitrag) sehr unterschiedlich umgehen: die einen sind erregt und verzweifelt, andere wie gelähmt, wieder andere reagieren eher kaltschnäuzig. Bei letzteren nehmen wir an, dass sie ihr Mitgefühl in derartigen Situationen „abstellen“ oder „abwehren“ können, wenn sie grundsätzlich in der Lage sind, welches zu empfinden. Wie das auf der Funktionsebene des Gehirns abläuft, darüber wissen wir erst wenig.

Vielleicht erlaubt die Untersuchung dazu jedoch eine Hypothese: Bei den coolen Typen bewirkt möglicherweise irgendein Gehirnmechanismus, dass der VMPC mehr oder weniger stillgelegt wird, wenn es hart auf hart kommt. Nach dem bisherigen Kenntnisstand dürfte die Neuromodulation des präfrontalen Cortex in solchen Fällen so modifiziert werden, dass der VMPC in diesem Augenblick nicht aktiv ist. (Ich möchte wetten, der ACC, der anteriore cinguläre Cortex, hat dabei seine Finger im Spiel – wie meistens, wenn es etwas Konflikthaftes zu regeln gilt, gehirnintern …)

Nehmen wir an, es wäre so. Dann wäre die Frage, wie der ACC bei diesem Individuum „gelernt“ hätte, die Neuromodulation des VMPC so zu beeinflussen, dass diese Struktur ruhiggestellt wird. Und warum dieser Lernprozess erfolgt ist. Welche Erfahrungen haben dazu beigetragen? Hat der Betreffende in der Vergangenheit vielleicht derart schmerzhafte Situationen erleben müssen, dass sich bei ihm aus Schutzgründen ein „Gefühlsabstellmechanismus“ entwickelte? Der später in ähnlichen Situationen habituell wirksam wird?

Ich hatte mal einen Patienten, der als Kind von seinem Vater regelmäßig schwer verprügelt wurde und als letzten Akt der Selbstbehauptung genau diesen Mechanismus ganz bewußt einsetzte, um dem Vater nicht noch den Triumph seines Zusammenbruchs zu gönnen. In der geschützten Atmosphäre des Therapieraums und unterstützt durch mein Mitgefühl konnte er seine mittlerweile in zahlreichen Situationen unterdrückten Gefühle nach und nach wieder zulassen und erleben. Einige Monate lang weinte er viel auf meiner Couch. Schon während dieser Zeit lockerte er emotional sehr auf, und sowohl seine Angstzustände als auch seine psychosomatischen Beschwerden verschwanden zunehmend.

Das intensive Wiedererleben des mit den väterlichen Prügeln verbundenen seelischen Schmerzes, das übrigens im Kontrast zu anderen, positiven Erlebnissen mit dem Vater stand, stellte für meinen Patienten eine bewegende und nachhaltige Erfahrung dar. In ähnlicher Weise konnten in einem mehrjährigen Therapieprozess andere Einschränkungen seines psychischen Lebens bearbeitet werden.

Die Funktionsebene des Gehirns betreffend könnten wir vermuten, dass bei ihm eine funktionelle Störung bestimmter neuronaler Regelkreise vorlag, in denen der VMPC eine wesentliche Rolle spielt – im Gegensatz zu den von Damasio u.a. untersuchten Patienten mit einer strukturellen Hirnschädigung. Durch die therpeutischen Erfahrungen konnte die Neuromodulation dieser „Loops“ möglicherweise dahingehend beeinflusst werden, dass der VMPC wieder „zugeschaltet“ wurde.

Nehmen wir an, eines Tages könnte man diese Mechanismen durch Gehirnscans verifizieren. Wäre damit viel gewonnen? Psychotherapeutisch jedenfalls nicht. Auf der psychischen Ebene sind die geschilderten Zusammenhänge seit mehr als hundert Jahren bestens bekannt.

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