„School Shooting“: Suche nach einer psychiatrischen Diagnose in den USA

In den Vereinigten Staaten setzte man sich in den Medien und in der Blogszene intensiv mit den psychopathologischen Zügen in der Persönlichkeit des Studenten Cho auseinander. Dave Cullen, der sich eingehend mit der Persönlichkeit der Columbine-Killer befasst hat, fasste unter dem Titel „Psychopath? Depressive? Schizophrenic? – Was Cho Seung-Hui really like the Columbine killers?“ in Slate die Diskussion der Fachleute über die angemessene psychiatrische Diagnose zusammen.

„Yet television analysts have Cho deconstructed already: He’s a madman, he’s a psychopath, a schizophrenic, a psychotic—or maybe just an angry depressive. Experts have rendered definitive diagnoses on every network—and they are wildly contradictory. The Today show alone has made a grand tour through the diagnostic manual.“

Eine mögliche psychiatrische Diagnose sei „anger fused with depression“. Cullen: „Columbine killer Dylan Klebold was a classic example of the angry depressive.“

 

Einige Experten würden demgegenüber die Eigenschaften eines Psychopathen in Cho entdecken. Cullen: „Klebold’s partner, Eric Harris, was textbook psychopath. Most psychopaths are nonviolent, but when they do turn to murder, the path is much simpler than for the depressive. They are convinced of their superiority and blame the rest of us for their predicament from the start.“

 

Eine dritte Gruppe, so der Traumaexperte Dr. Frank Ochsberg, erkenne psychotische Züge bei Cho.

„Ochberg observed Cho’s inability to relate to others, a blank affect, disordered thoughts, and perceptions wildly out of sync with reality. ‚I’m beginning to think he’s not responding to abuse and neglect, he’s responding to all the fantasies and delusions in his head,‘ Ochberg said.“

Ein weiterer Experte interpretiert einen ausführlichen New York Times-Artikel über die Kindheit Chos in Südkorea dahingehend, dieser habe möglicherweise an dem Asperger Syndrom mit psychotischen Zügen gelitten. Cho war nach Berichten von Verwandten bereits in seiner Kindheit dadurch aufgefallen, dass er kaum sprach – eine Eigenschaft, die seine Mitstudenten bis zuletzt an ihm beobachteten.

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„School Shooting“: Die psychologische Ebene im Spiegel der Presse

„Wer in seinen Tod etliche Unbeteiligte grausam mitreißt, kämpft ein letztes Mal um Aufmerksamkeit.“ Dem individuellen Seelenleben von Amokläufern bzw. Menschen, die an ihrer Schule oder Universität ein Massaker vollziehen, widmet sich Wenke Husmann in der „Zeit“. Es sei „keine neue psychopathische Verwirrung, die da über junge Menschen kommt, die sie in eine rasende Vernichtungswut treibt und oft genug in den eigenen Tod.“ Ausgehend von der Rache der gedemütigten Medea beschreibt Husmann „die Rachsüchtigen“ als einen von vier Typen von Selbstmördern:

„Sie malen sich aus, wie sich die anderen nach der Tat in Vorwürfen zerfleischen mögen, über den Rächer sprechen und ins Grübeln geraten. Dieses eine und letzte Mal wenigstens. (…) Der Selbstmörder kann sich seine Rache in den schillerndsten Farben ausmalen.“

Die Erklärungen der FAZ greifen ebenfalls vorwiegend die individuelle psychische Situation des Täters auf. Der Tat würde oft eine „fortschreitende seelische und soziale Entwurzelung der Täter“ vorausgehen, „etwa durch den Verlust des Arbeitsplatzes oder Versetzungen im Beruf.“ Eine große Rolle spielten auch „Kränkungserfahrungen oder Konflikte mit Lebenspartnern.“ Oft würden die Betreffenden als „unauffällig“ beschrieben, „einer von den ‚Stillen im Lande’“, aggressionsgehemmt und konfliktunfähig.

„Die Taten haben zumeist eine lange Vorgeschichte, in der sich der Täter immer mehr aus seiner Umgebung zurückzieht und sich ein ‚Weltbild‘ zurechtlegt, das mit der Realität immer weniger zu tun hat. Als vermeintlicher Ausweg aus der Misere rückt (…) immer stärker eine gewaltsame Lösung ins Blickfeld: Die Aggressionen des Täters schaukeln sich auf. Die explosionsartigen Mordtaten stehen erst am Ende dieser langen Entwicklung.“

Viele Amokläufer würden ihre Tat „als den letzten großen Showdown“ inszenieren, „mit dem sie sich für alle vermeintlichen Kränkungen und Zurücksetzungen im Leben rächen und ‚es der ganzen Welt zeigen’“.

 

In einem weiteren Artikel der FAZ zur „Psychologie des Amokläufers“ werden Erläuterungen eines Kriminalpsychologen Uwe Füllgrabe wiedergegeben, der Amokläufer als „extrem narzisstische Persönlichkeiten“ beschreibt.

„’Jemand, der nicht beachtet wird, kommt auf die Idee, diesen Zustand durch Gewalt zu verändern.‘ Er entwickele eine Opfermentalität, aus der er das Recht ableitete, sich für erlittene Demütigungen zu rächen und die Gerechtigkeit wiederherzustellen. (…)

Cho plante seinen Amoklauf offenbar von langer Hand, hinterließ eine 23 Seiten lange Erklärung. Füllgrabe bemerkt, dass nur wenige derartige Taten im Affekt ausgeübt würden. Er vergleicht die Entwicklung mit einem Kaskadeneffekt. „Wie bei den Vorbereitungen zu einem Theaterstück fügt sich Kulisse um Kulisse, bis es zur Aufführung kommt.“ Häufig sei der Auslöser dann ein niederschmetterndes Ereignis, das als Zünder wirkt. „Das können Schulprobleme sein. Oder die Trennung von einer Bezugsperson, also Liebeskummer.“

(…) der Amokläufer erlebe das rauschhafte Gefühl der Macht. Bei vielen Amokläufern handele es sich jedoch um einen Menschentyp, der seine Gefühle nicht nach außen dringen lasse.

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Thema „Gewalt“: Medien in Erklärungsnot

Einen bemerkenswerten Zwischenruf der 28-jährigen Doktorandin Jehan Mullin aus Ohio zum Umgang der amerikanischen Medien mit dem Amoklauf in Blacksburn hat die Zeit veröffentlicht.

Ihre Bestürzung über das Massaker habe sich zu „Abscheu über die Form, die die Debatte annahm“, entwickelt. Bei Konflikt- und Sensationsberichten „bleiben die Zuschauer dran und die Einschaltquoten hoch“, was auch die „Über-Berichterstattung“ in diesem Fall erkläre.

Vor allem die Suche nach einfachen Erklärungen stört Mullin, die gerade ein Anthropologie-Studium beendet hat. Sie habe gehört, in Japan würden an Diskussionsrunden mindestens drei Personen teilnehmen, von denen jede einen anderen Standpunkt vertrete.

„Amerikanische Leser oder Zuschauer scheinen nicht einmal daran zu denken, dass möglicherweise drei Seiten einer Geschichte existieren, dass es drei mögliche Lösungen oder Erklärungen geben kann. Geschweige denn vier oder fünf. Für uns gibt es immer nur zwei Möglichkeiten, zwei Seiten der Medaille. Für uns ist es immer das eine oder das andere. (…) Man muss wählen, ob man für oder gegen den Waffenbesitz ist. (…)

Traurigerweise sieht es in Amerika immer so aus, als ob entweder das eine oder das andere Schuld an allem hätte – entweder sind es die Waffengesetze oder die Videospiele. (…) Eine Seite sagt, dass der leichte Zugang zu Waffen für die Massaker verantwortlich ist. So als ob nichts anderes zu dem Hang zur Gewalt in unserer Gesellschaft beiträgt. Die andere Seite sagt, dass die Waffen tatsächlich überhaupt nichts damit zu tun haben. (…) Es ist diese falsche und absurde „Alles oder nichts“-Einstellung, diese „Entweder oder“-Art, die Welt zu betrachten, die eine Polarisierung in allen Bereichen amerikanischer Politik erzwingt und weder die Schwere dieses tragischen Ereignisses angemessen zu thematisieren noch auf die amerikanische Fixierung auf Schießorgien einzugehen vermag.“

Wie steht es nun mit den Erklärungsversuchen der „Zeit“ und der „FAZ“ – der Blätter für die „klugen Köpfe“ bei uns in „Old Germany“?

Thomas Kleine-Brockhoff empört sich in der Zeit über die Professoren Heitmeyer und Bronfen, die in Interviews (hier und hier) im wesentlichen die Kultur der Gewalt in Amerika als „wahren Hintergrund der Bluttat“ ausgemacht hätten (was für Heitmeyer nicht zutrifft). Nach Auffassung des Journalisten müsse „man sich (gottlob) mit all den kulturellen Erklärungen über das Wesen Amerikas nicht mehr herumschlagen, seitdem klar ist, dass es sich um einen psychisch schwer gestörten Täter handelte. Einen, der schon in stationärer Behandlung war.“

Ludwig Greven nimmt Heitmeyer in Schutz, denn er habe schließlich auch „darauf verwiesen, dass Amokläufe generell häufig das Ergebnis vielfältiger Kränkungen sind, die sich bei bestimmten Menschen nach einer längeren Phase des sich allmählich aufstauenden Hasses in einer Orgie der – auch selbstzerstörerischen – Gewalt entladen.“ Man müsse aber die Frage stellen,

„gibt es Faktoren, die es erleichtern oder befördern, dass ein Mensch jede moralische innere Hemmung verliert und seine Gewaltphantasien durchaus planvoll und scheinbar grenzenlos in die Tat umsetzt? Denn grundsätzlich trägt ja jeder Mensch Wut-, Hass- und Rachegefühle in sich. Normalerweise aber leben wir diese Gewaltwünsche nicht aus, weil wir gelernt haben, innere und äußere Konflikte, wozu auch tiefe Kränkungen gehören, anders zu bewältigen. Und weil wir Normen verinnerlicht haben und im günstigen Fall in einem sozialen Umfeld leben, das uns daran hindert, zum Gewalttäter zu werden. (…) Deshalb lohnt es sich schon, weiter der Frage nachzugehen, weshalb gerade dieser 23-jährige Cho Seung-Hui ausgerastet ist und keiner der 25.999 Kommilitonen an der VirginiaTech. Weshalb er zum einsamen Rächer wurde – während sein Bruder und seine Schwester in Princeton studierten und Karriere machten. Wie wurde er zum Psychopathen und Massenmörder?

Grevens Antwort nimmt nun eine überraschende Wendung. Man würde erwarten, er käme jetzt auf die Besonderheiten der Persönlichkeit des jungen Cho zu sprechen, die ja mittlerweile gut bekannt sind und ihn in der Tat von den allermeisten seiner Kommilitonen und gewiss auch von seinen Geschwistern erheblich unterschieden haben. Stattdessen schreibt Greven jedoch: „Hier kommt die Gesellschaft ins Spiel.“Amokläufe seien, das habe die Wissenschaft festgestellt,

„fast immer das Ergebnis vielfacher psychischer und sozialer Faktoren. (…) Was also befördert das Umsetzen von Gewaltphantasien in einen Massenmord? Trägt etwa – neben den psychischen Faktoren – die Einstellung einer Gesellschaft zur Gewalt dazu bei, diesen Schritt zu erleichtern?“

Die Frage liege nahe, ob die Zunahme der Amokläufe in den USA in den vergangenen Jahrzehnten „etwas mit dem spezifischen Umgang mit Gewalt und deren ‚Normalität‘ in der amerikanischen Gesellschaft zu tun hat. Es sei unbestreitbar, „dass die Gewalt- und Mordrate in den USA wesentlich höher ist als in Europa. Jugendliche erleben dort (…) in ihrem unmittelbaren Umfeld um ein Vielfaches häufiger Mord- und Gewalttaten als ihre europäischen Altersgenossen. Bleibt dies ohne Wirkung?

Zeit-Chefredakteur Josef Joffe warnt in seinem Kommentar davor, einen Amoklauf wie den in Virginia mit „Instant-Deutungen“ und „durch allgemeine und höchst voreilige Theorien“ zu erklären. So könnten die laxen Waffengesetze den Massenmord schon deshalb nicht erklären, weil es ähnliche Fälle auch in Ländern mit scharfen Bestimmungen gebe. Für „journalistische Schnell-Deuter“ müsse „das eiserne Gesetz gelten: Nie den Einzelfall anhand genereller Theorien erklären.

Cho sei „eine wandelnde Zeitbombe“ gewesen, ein „Musterbeispiel einer pathologischen Persönlichkeit.“ Zeugen hätten ihn als „wutgeladen, bedrohlich, verstört und deprimiert“ beschrieben. Im Unterricht habe er nie ein Wort gesagt und sei bereits psychotherapeutisch behandelt worden.

Fazit des Chefredakteurs: „Die einzig gesicherte Erkenntnis lautet: Amokläufer sind Selbstmörder. Wenn sie nicht systematisch indoktriniert und manipuliert werden, wie zum Beispiel die Selbstmord-Attentäter der Hamas, geben kulturelle, politische oder soziologische Theorien nichts her. Der Einzeltäter ist ein Einzeltäter, und die einzelne Tat erfordert eine individualpsychologische Erklärung.

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Thema „Gewalt“: Wissenschaften in Erklärungsnot (1)

Zurück aus dem Osterurlaub fällt mir ein vernünftiger Kommentar zum Universitätsmassaker in Virginia alles andere als leicht. Aus einer Übersicht einiger in der „Zeit“, der FAZ und dem „Spiegel“ veröffentlichten Analysen werde ich daher im wesentlichen Fragen und Hypothesen darüber ableiten, warum sich die einschlägigen Wissenschaften mit der Erklärung von individuellen und kollektiven Gewaltakten immer noch so schwer tun und orientierungssuchenden Journalisten, Politikern und Intellektuellen einen bunten Strauß verschiedener Ansätze und Denkrichtungen anbieten – die sich oftmals nicht im Sinne von Akzentsetzungen ergänzen, sondern in ihren Erklärungsansprüchen konkurrieren.

 

An den journalistischen Analysen des Amoklaufs in Blacksburg fällt oft ein schwadronierender essayistischer Stil unangenehm auf, den man wohl als Anzeichen für Erklärungsnot werten darf, die auf diese Weise überspielt werden soll. Bei der Ursachenforschung konkurrieren – je nach Weltbild und Vorliebe des Autors – eine individualpsychologische und eine kollektivpsychologische, kultur- bzw. gesellschaftsbezogene Erklärungstendenz.

 

Die „Zeit“ hat eine ganze Kommentarserie veröffentlicht. Zu Beginn wurde Prof. Wilhelm Heitmeyer interviewt, der an der Universität Bielefeld das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung leitet und seit vielen Jahren über Themen wie Jugendgewalt und Fremdenfeindlichkeit forscht.

 

Die erste Frage des Interviewers: „Wieso geschehen solche Amokläufe wie jetzt in Blacksburg vor allem in den USA? Gibt es dort eine bestimmte Gewaltkultur, die solche Massaker befördert?“ Nach einem relativierenden Hinweis auf Erfurt und Emsdetten bemerkt Heitmeyer,

 

„… die Zahl der Amokläufe (ist) in den USA in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Daher kann man schon von einer Kultur der Gewalt in Amerika sprechen. Gewalt und der Einsatz von Waffen sind dort selbstverständlich. Dazu gehört auch, dass die amerikanische Gesellschaft über solche Ereignisse immer wieder zur Tagesordnung übergeht.“

 

Während der Hinweis auf die amerkanische Gewaltkultur gewiss richtig ist, trifft es nicht zu, dass die amerikanische Gesellschaft danach zur Tagesordnung übergeht. Nach dem Massaker in Columbine wurden an den Schulen und Universitäten des Landes zahlreiche, durchaus erfolgreiche Programme zur Prävention derartiger Vorfälle eingerichtet. Von den dadurch verhinderten Gewalttaten hört man lediglich nicht.

 

Die nächste Frage zielt auf die laxen Waffengesetze in den USA. Heitmeyers Antwort:

 

„Wichtig ist die Waffenkultur, also die Einstellung zum Besitz von Waffen und die Waffengesetze. Die sind in den USA dermaßen aufgeweicht worden, dass beispielsweise die Frage der Notwehr in einigen Bundesstaat nur noch davon abhängt, ob man sich angegriffen fühlt. Das reicht dann, um schießen zu dürfen. Solche Aufweichungen von Normen tragen dazu bei, dass der Einsatz von Waffen selbstverständlich wird.“

 

Dies trifft gewiss auf viele Schießereien im amerikanischen Alltag zu, nur Massaker wie die von Columbine und Blackburn erklärt es nicht. Der Professor vernachlässigt an dieser Stelle eklatant die individualpsychologische Komponente. In beiden Fällen handelte es sich um Täter mit hochgradig psychopathologischen Persönlichkeitsstrukturen.

 

Der Interviewer kommt nun zu diesem individuellen Aspekt: „Was geht in einem Menschen vor sich, dass er jede Hemmung verliert, massenhaft und derart wahllos Menschen zu töten?“ Heitmeyers Antwort:

 

„Bei Amok bricht jedes Normengebäude, das normalerweise die Gewalt einhegt, zusammen. Im Grundsatz steht ja jedem Menschen Gewalt zu jeder Zeit als Mittel zur Verfügung. Sie wird aber normalerweise durch Normen und Gesetze eingedämmt. Deshalb sind auch nicht die Waffen an sich und die Verfügung über sie das Problem, sondern die Frage, inwieweit sie in Normen eingebunden sind. In einer Armee beispielsweise ist der Einsatz von Waffen genau geregelt – in der Zivilgesellschaft in der Regel nicht. Dort sind sie ja eigentlich nicht vorgesehen, und da brechen dann unter bestimmten Umständen alle Normen ein, die den Einsatz von Waffen normalerweise verhindern.“

 

Hier greift der Professor nun zwar kurz einen auf das Individuum bezogenen psychologischen Aspekt heraus: den Einbruch des verinnerlichten Normengebäudes, das normalerweise Handlungen eindämmt, die allgemein akzeptierten Regeln zuwiderlaufen – um dann jedoch sogleich wieder bei seinem Lieblingsthema zu landen, der kulturellen Komponente, also der tendenziellen Tabuisierung oder Begünstigung von Gewalthandlungen durch das gesellschaftliche Normengefüge. Dass er diesen Aspekt so überbetont, bringt ihm einen geharrnischten, aber leider polemischen Gegenkommentar von Thomas Kleine-Brockhoff ein, dem eine Erwiderung und Verteidigung Heitmeyers durch seinen Interviewer Ludwig Greven folgt – und die Mahnung von Zeit-Chefredakteur Josef Joffe, einen Amoklauf wie den in Virginia „nicht durch allgemeine und höchst voreilige Theorien“ zu erklären.

 

Heitmeyer, übrigens von Hause aus Soziologe, erwähnt noch einen wichtigen Aspekt: Gewalt sei immer auch eine Machtdemonstration. Bei Gewalt im Zusammenhang mit „Beziehungsdramen“ sei „bekannt, dass die Ohnmacht, einen Konflikt auf anderem Wege zu lösen, umschlagen kann in eine solche gewaltsame Machtdemonstration.“ Zudem seien Amokläufe „in gewisser Weise auch ein Weg in die Unsterblichkeit. Der Name des Amokläufers wird sich einbrennen in die Geschichte. So tritt der Täter aus dem Gefühl der Ohnmacht heraus.“

 

Auf die Frage, weshalb Amokläufe so häufig an Schulen oder einer Universität passieren, weist Heitmeyer zurecht darauf hin, „die Schulen (waren) … die Orte, wo die Täter seelisch tief verletzt wurden, wo ihnen Anerkennung versagt wurde.“ (wird fortgesetzt)

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„Was soll ich tun?“ fragte Kant – oder war es Kants Gehirn?

(Philosophische Theorien zum Neuro-TÜV? – 4)

Das Feld der Philosophie (…) lässt sich auf folgende Fragen bringen:
1. Was kann ich wissen?
2. Was soll ich tun?
3. Was darf ich hoffen?
4. Was ist der Mensch?
Die erste Frage beantwortet die Metaphysik, die zweite die Moral, die dritte die Religion und die vierte die Anthropologie. Im Grunde könnte man aber alles dieses zur Anthropologie rechnen, weil sich die drei ersten Fragen auf die letzte beziehen.
Immanuel Kant, Philosophie nach dem Weltbegriffe

Die kürzlich referierte, in Nature veröffentlichte Studie zu den Unterschieden in der moralischen Urteilsbildung zwischen Menschen mit einer Schädigung des ventromedialen präfrontalen Cortex (VMPC) und gesunden Versuchspersonen wird in der amerikanischen Blogscene weiter kontrovers diskutiert. Unter dem Titel „Mind Makes Right – Brain damage, evolution, and the future of morality“ brachte das Webmagazin Slate jetzt einen Kommentar seines Human Nature – Redakteurs William Saletan, der von der Washington Post übernommen wurde, aber sogleich eine heftige Kritik Corey Tomsons‘ in ihrem Blog Thought Capital nach sich zog („How not to think about neuroethics“).

Saletan weist zunächst darauf hin, nach den Ergebnissen der Hirnforschung sei das Gehirn kein einheitliches Organ, sondern eine „Ansammlung von Modulen, die manchmal kooperieren und manchmal im Wettbewerb stehen. Wenn Sie sich fühlen, als ob zwei Teile Ihres Gehirns etwas miteinander ausfechten, dann deshalb, weil sie genau dies tun.“

„Bei manchen dieser Kämpfe geht es um Moral“, fährt Saletan fort. „Die Gefühle sagen Ihnen das eine, die Vernunft etwas anderes. Die vernünftige Seite stellt oft nüchterne Kalkulationen an: Alte Menschen sterben zu lassen ist tragisch, aber besser man verwendet das knappe Geld, um Kinder zu retten. Einen Verwundeten aus dem Rettungsboot zu werfen fühlt sich schlecht an, aber wenn es alle anderen rettet: mach es.“

Diese „kühl berechnende ethische Logik“ beschäftige die Philosophen unter dem Etikett Utilitarismus seit 200 Jahren. „Einige sagen, sie ist vernünftig, andere halten sie für unbarmherzig.“ Seit kurzem sei „die Debatte jedoch von der Neurowissenschaft überrannt“ worden: „Nach Ansicht der Neurowissenschaftler liegen die Philosophen auf beiden Seiten falsch, weil Moral nicht von Gott oder der transzendentalen Vernunft stammt, sondern aus dem Gehirn.“

An diese Stelle gehört jedoch eine zentrale Unterscheidung: Die grundsätzliche Fähigkeit zu moralischem Empfinden und Handeln ist gewiss in den phylogenetisch entstandenen Strukturen unseres Gehirns verankert, also „hardwired“, wie die Amerikaner sagen.

Der Harvard-Professor Marc Hauser hat soeben ein vielbeachtetes Buch über diesen Aspekt veröffentlicht. Andererseits ist unser Gehirn jedoch zweifellos ein erfahrungsverarbeitendes Organ, und die persönliche Moral ist daher wesentlich auf persönliche Erfahrungen und deren emotionale und kognitive Verarbeitung zurückzuführen – worauf der Philosoph Richard Rorty in seiner Rezension von „Moral Minds zurecht hinweist.

Zudem kann sich die Fähigkeit, nach moralischen Kriterien zu handeln – also nach der Leitlinie von Werten und des Sollens und nicht vorwiegend getrieben von aktuellen Wünschen und Bedürfnissen – im Entwicklungsverlauf unterschiedlich gut ausprägen, wie wir alle wissen, wenn wir uns unter unseren Mitmenschen umschauen.

Die philosophische Disziplin Ethik mit ihrer normativen Grundfrage „Was soll ich tun?“ kann somit ebenso wenig von der Hirnforschung überrannt werden wie das Regelwerk der FIFA von einer Horde Hooligans. Oder, wem das lieber ist, wie die Mythologie von der Evolutionsbiologie.

Saletan weist auf eine vielzitierte Studie von Joshua Greene u.a. hin, nach der „die Kontroverse um die utilitaristische Moralphilosophie eine zugrundeliegende Spannung zwischen konkurrierenden Subsystemen im Gehirn reflektiert“. Greene u.a. kamen hinsichtlich der utilitaristischen (im weiteren Sinne: konsequenzialistischen) Ethikansätze einerseits (Bentham; Mills) und der deontologischen (Kant) andererseits zu folgendem Schluss:

We propose that the tension between the utilitarian and deontological perspectives in moral philosophy reflects a more fundamental tension arising from the structure of the human brain. The social-emotional responses that we’ve inherited from our primate ancestors (due, presumably, to some adaptive advantage they conferred), shaped and refined by culture bound experience, undergird the absolute prohibitions that are central to deontology. In contrast, the “moral calculus” that defines utilitarianism is made possible by more recently evolved structures in the frontal lobes that support abstract thinking and high-level cognitive control.

Angeblich, so Saletan, gehen die Autoren der Nature-Studie noch einen Schritt weiter. Sie hätten gezeigt, dass gesunde Menschen „neurologisch untauglich“ zu strikt utilitaristischem Denken seien, und würden daraus nun die Folgerung ableiten, die Neurowissenschaft sei in der Lage, verschiedene philosophische Ansätze auf ihre Kompatibilität mit der menschlichen Natur zu testen.

Die Autoren haben dergleichen jedoch nicht behauptet. Die von Saletan zitierte weitreichende Schlussfolgerung ist allein einem spekulierenden Wissenschaftsjournalisten zuzuschreiben.

Die Autoren selbst fassen das Ergebnis ihrer Untersuchung sachgerecht so zusammen:

To conclude, the present findings are consistent with a model in which a combination of intuitive/affective and conscious/rational mechanisms operate to produce moral judgements. (…) Though the precise characterization of these potential systems awaits further work, the current results suggest that the VMPC is a critical neural substrate for the intuitive/affective but not for the conscious/rational system.

Ihnen geht es also ausschließlich um die Mechanismen, die auf der Ebene des Gehirns moralische Urteile realisieren. Den Philosophen geht es bekanntlich darum, welche moralischen Urteile richtig sind und welche falsch.

Menschenbild – Debatten

Unser abendländisches Menschenbild ist aufgrund der Erkenntnisse der Evolutionsbiologie und der Neurowissenschaften ins Wanken geraten und steht auch in der Öffentlichkeit in der Diskussion. Naturwissenschaftler erheben zunehmend Deutungsansprüche in Fragen, die vor kurzem noch als eindeutige Domäne der Philosophie galten. Philosophen und geisteswissenschaftlich orientierte Intellektuelle dagegen bezweifeln die Erklärungsmacht naturwissenschaftlicher Ansätze in zentralen Fragen unseres Menschenbildes grundsätzlich.

Schwerpunkte dieser Auseinandersetzung sind u.a.

  • die Funktion von Religion und religiösem Erleben
  • die Frage der Willensfreiheit und deren Auswirkungen auf unser Rechtssystem
  • Ursprung und Funktionsweise von moralischem Empfinden und Verhalten
  • das Verhältnis von Emotion und Vernunft.

PsychoNeuro wird diese Debatten verfolgen und auf interessante neue Beiträge dazu hinweisen.

Die neueste Ausgabe von „Philosophical Explorations“ („An International Journal for the Philosophy of Mind and Action“) ist der Diskussion eines Grundsatzartikels von Jürgen Habermas gewidmet: „The Language Game of Responsible Agency and the Problem of Free Will: How can epistemic dualism be reconciled with ontological monism?“ Dieser Artikel ist frei zugänglich – die Diskussionsbeiträge dazu von Randolph Clarke, Michael Quante, John R. Searle und Timothy Schroeder sowie die Entgegnung von Habermas leider nicht.

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