Wie kommt das Subjekt ins Gehirn?

Mit dieser Frage kündigt das Referat „Philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie“ der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) den Reader mit den philosophisch orientierten Beiträgen zum DGPPN-Kongress 2006 an, mit dem an eine frühere Publikation der gleichen Herausgeber zum Thema „Psychiatrie und Naturalismus“ angeschlossen wird. Hier der Text der DGPPN-Presseinformation, der die neuro-philosophische Orientierung der Herausgeber – vielleicht allzu verdichtet – zum Ausdruck bringt:

Im Laufe der letzten 150 Jahre wurden dem neuzeitlichen Individuum, nicht zuletzt durch die Entwicklung der Wissenschaften, etwa durch die Forschungen Darwins, Freuds oder die Denkpositionen der Postmoderne, einige Kränkungen zugefügt, indem es seiner gottähnlichen Einzigartigkeit beraubt wurde. Nun scheint es so, dass die jüngste neurowissenschaftliche Forschung dem Konstrukt eines scheinbar willensfrei handelnden Subjekts den Todesstoß versetzen kann: Wenn alle Denkvorgänge und psychischen Erfahrungen auf biologische Vorgänge im Gehirn reduzierbar sind, dann braucht es kein in irgendeiner Weise vom Gehirn abgelöstes Subjekt mehr. Das Gehirn wäre selbst das Subjekt der Handlung und das Denken darüber veraltet. Aber selbst wenn wir uns intellektuell dieser monistischen Auffassung von Realität beugen wollten, bliebe diese doch für unser Handeln und Erleben weitgehend folgenlos. In der menschlichen Selbsterfahrung nehmen wir uns nicht als Gehirne wahr, sondern als Personen bzw. Subjekte, die in gesellschaftlichen Systemen mit anderen Subjekten interagieren. Dies wird insbesondere an dem Verhältnis von psychisch kranken Menschen und deren Therapeuten deutlich. So fragen die drei Psychiater und Philosophen Thomas Fuchs, Kai Vogeley und Martin Heinze in dem Vorwort des von ihnen herausgegebenen Bandes Subjektivität und Gehirn, ob nicht trotz der Dominanz der monistischen Auffassung „Subjektivität und Intersubjektivität […] unerlässliche Dimensionen psychiatrischen Erkennens und Handelns“ sind und ob „für die Psychiatrie ein methodischer Dualismus, der die Perspektiven der 1. und der 3. Person unterscheidet, nicht unerlässlich ist.“

Damit ist aber nur eine von vielen Konzeptionen des Verhältnisses von Subjektivität und Gehirn skizziert, die renommierte Philosophen und Psychiater in diesem Buch vorstellen. Dabei nehmen die Autorinnen und Autoren nicht nur die Herausforderungen der Neurowissenschaften am Beginn des 21. Jahrhunderts an, sondern vermitteln auch produktiv zwischen den oftmals verhärteten Fronten.

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Roundtable-Diskussionen zu PsychoNeuro-Themen

Wer sich über moderne Psychoanalyse weitergehend informieren möchte (und des Englischen mächtig ist), kann sich z.B. Videoaufzeichnungen von Roundtable-Diskussionen im New Yorker Philoctetes Center for the Multidisciplinary Study of the Imagination anschauen, mit z.T. namhaften Psychoanalytikern und Wissenschaftlern aus Nachbardisziplinen, die den Entwicklungsstand der heutigen Psychoanalyse wohlwollend oder kritisch begleiten.

Auch zu anderen Themenbereichen dieses Blogs finden im Philoctetes-Center interessante Diskussionsrunden statt, die aufgezeichnet und ins Internet gestellt werden, und die man sich im Web 2.0 – Zeitalter nun mühelos „on demand“anschauen kann. So z.B. Roundtable-Gespräche zum Verhältnis von Neurowissenschaft und Psychologie mit Themen wie „Haben wir einen freien Willen“ (Gesprächsteilnehmer u.a. der Neurowissenschaftler Jaak Panksepp und der Philosoph Joel Whitebook) oder „Mind vs. Soul“, u.a. mit der Philosophin und Psychoanalytikerin Marcia Cavell.

Wer bei dieser Gelegenheit aber in weniger als fünf Minuten erfahren möchte, was es mit dem Web 2.0 denn nun auf sich hat, versäume keinesfalls den berühmt gewordenen Kurzfilm des Kulturanthropologen Michael Wesch:

„Was soll ich tun?“ fragte Kant – oder war es Kants Gehirn?

(Philosophische Theorien zum Neuro-TÜV? – 4)

Das Feld der Philosophie (…) lässt sich auf folgende Fragen bringen:
1. Was kann ich wissen?
2. Was soll ich tun?
3. Was darf ich hoffen?
4. Was ist der Mensch?
Die erste Frage beantwortet die Metaphysik, die zweite die Moral, die dritte die Religion und die vierte die Anthropologie. Im Grunde könnte man aber alles dieses zur Anthropologie rechnen, weil sich die drei ersten Fragen auf die letzte beziehen.
Immanuel Kant, Philosophie nach dem Weltbegriffe

Die kürzlich referierte, in Nature veröffentlichte Studie zu den Unterschieden in der moralischen Urteilsbildung zwischen Menschen mit einer Schädigung des ventromedialen präfrontalen Cortex (VMPC) und gesunden Versuchspersonen wird in der amerikanischen Blogscene weiter kontrovers diskutiert. Unter dem Titel „Mind Makes Right – Brain damage, evolution, and the future of morality“ brachte das Webmagazin Slate jetzt einen Kommentar seines Human Nature – Redakteurs William Saletan, der von der Washington Post übernommen wurde, aber sogleich eine heftige Kritik Corey Tomsons‘ in ihrem Blog Thought Capital nach sich zog („How not to think about neuroethics“).

Saletan weist zunächst darauf hin, nach den Ergebnissen der Hirnforschung sei das Gehirn kein einheitliches Organ, sondern eine „Ansammlung von Modulen, die manchmal kooperieren und manchmal im Wettbewerb stehen. Wenn Sie sich fühlen, als ob zwei Teile Ihres Gehirns etwas miteinander ausfechten, dann deshalb, weil sie genau dies tun.“

„Bei manchen dieser Kämpfe geht es um Moral“, fährt Saletan fort. „Die Gefühle sagen Ihnen das eine, die Vernunft etwas anderes. Die vernünftige Seite stellt oft nüchterne Kalkulationen an: Alte Menschen sterben zu lassen ist tragisch, aber besser man verwendet das knappe Geld, um Kinder zu retten. Einen Verwundeten aus dem Rettungsboot zu werfen fühlt sich schlecht an, aber wenn es alle anderen rettet: mach es.“

Diese „kühl berechnende ethische Logik“ beschäftige die Philosophen unter dem Etikett Utilitarismus seit 200 Jahren. „Einige sagen, sie ist vernünftig, andere halten sie für unbarmherzig.“ Seit kurzem sei „die Debatte jedoch von der Neurowissenschaft überrannt“ worden: „Nach Ansicht der Neurowissenschaftler liegen die Philosophen auf beiden Seiten falsch, weil Moral nicht von Gott oder der transzendentalen Vernunft stammt, sondern aus dem Gehirn.“

An diese Stelle gehört jedoch eine zentrale Unterscheidung: Die grundsätzliche Fähigkeit zu moralischem Empfinden und Handeln ist gewiss in den phylogenetisch entstandenen Strukturen unseres Gehirns verankert, also „hardwired“, wie die Amerikaner sagen.

Der Harvard-Professor Marc Hauser hat soeben ein vielbeachtetes Buch über diesen Aspekt veröffentlicht. Andererseits ist unser Gehirn jedoch zweifellos ein erfahrungsverarbeitendes Organ, und die persönliche Moral ist daher wesentlich auf persönliche Erfahrungen und deren emotionale und kognitive Verarbeitung zurückzuführen – worauf der Philosoph Richard Rorty in seiner Rezension von „Moral Minds zurecht hinweist.

Zudem kann sich die Fähigkeit, nach moralischen Kriterien zu handeln – also nach der Leitlinie von Werten und des Sollens und nicht vorwiegend getrieben von aktuellen Wünschen und Bedürfnissen – im Entwicklungsverlauf unterschiedlich gut ausprägen, wie wir alle wissen, wenn wir uns unter unseren Mitmenschen umschauen.

Die philosophische Disziplin Ethik mit ihrer normativen Grundfrage „Was soll ich tun?“ kann somit ebenso wenig von der Hirnforschung überrannt werden wie das Regelwerk der FIFA von einer Horde Hooligans. Oder, wem das lieber ist, wie die Mythologie von der Evolutionsbiologie.

Saletan weist auf eine vielzitierte Studie von Joshua Greene u.a. hin, nach der „die Kontroverse um die utilitaristische Moralphilosophie eine zugrundeliegende Spannung zwischen konkurrierenden Subsystemen im Gehirn reflektiert“. Greene u.a. kamen hinsichtlich der utilitaristischen (im weiteren Sinne: konsequenzialistischen) Ethikansätze einerseits (Bentham; Mills) und der deontologischen (Kant) andererseits zu folgendem Schluss:

We propose that the tension between the utilitarian and deontological perspectives in moral philosophy reflects a more fundamental tension arising from the structure of the human brain. The social-emotional responses that we’ve inherited from our primate ancestors (due, presumably, to some adaptive advantage they conferred), shaped and refined by culture bound experience, undergird the absolute prohibitions that are central to deontology. In contrast, the “moral calculus” that defines utilitarianism is made possible by more recently evolved structures in the frontal lobes that support abstract thinking and high-level cognitive control.

Angeblich, so Saletan, gehen die Autoren der Nature-Studie noch einen Schritt weiter. Sie hätten gezeigt, dass gesunde Menschen „neurologisch untauglich“ zu strikt utilitaristischem Denken seien, und würden daraus nun die Folgerung ableiten, die Neurowissenschaft sei in der Lage, verschiedene philosophische Ansätze auf ihre Kompatibilität mit der menschlichen Natur zu testen.

Die Autoren haben dergleichen jedoch nicht behauptet. Die von Saletan zitierte weitreichende Schlussfolgerung ist allein einem spekulierenden Wissenschaftsjournalisten zuzuschreiben.

Die Autoren selbst fassen das Ergebnis ihrer Untersuchung sachgerecht so zusammen:

To conclude, the present findings are consistent with a model in which a combination of intuitive/affective and conscious/rational mechanisms operate to produce moral judgements. (…) Though the precise characterization of these potential systems awaits further work, the current results suggest that the VMPC is a critical neural substrate for the intuitive/affective but not for the conscious/rational system.

Ihnen geht es also ausschließlich um die Mechanismen, die auf der Ebene des Gehirns moralische Urteile realisieren. Den Philosophen geht es bekanntlich darum, welche moralischen Urteile richtig sind und welche falsch.