Psychoanalytiker als politische Kommentatoren…

… findet man vor allem in den Vereinigten Staaten. Ich hatte Justin Frank hier bereits vorgestellt – ergänzend ein Link zu seiner Kolumne in der renommierten Huffington Post.

Dort kommentiert regelmäßig auch Drew Westen, Psychologieprofessor und Psychoanalytiker an der Emory University in Atlanta (Georgia), das politische Geschehen. Drew Westen ist aufgrund einer Vielzahl von wissenschaftlichen Veröffentlichungen vor allem zu Persönlichkeitsstörungen in der psychoanalytischen Fachöffentlichkeit recht bekannt. Im vergangenen Jahr erregte er in den Vereinigten Staaten Aufsehen mit seinem Buch The Political Brain, in dem er die These vertrat, politische Wahlen würden auf dem Feld der Emotionen und nicht aufgrund rationaler Erwägungen entschieden.

„In politics, when reason and emotion collide, emotion invariably wins. Elections are decided in the marketplace of emotions, a marketplace filled with values, images, analogies, moral sentiments, and moving oratory, in which logic plays only a supporting role. Westen shows, through a whistle-stop journey through the evolution of the passionate brain and a bravura tour through fifty years of American presidential and national elections, why campaigns succeed and fail.

The evidence is overwhelming that three things determine how people vote, in this order: their feelings toward the parties and their principles, their feelings toward the candidates, and, if they haven’t decided by then, their feelings toward the candidates‘ policy positions.“ (Aus der Verlagsankündigung)

Hier ein Bericht über eine interessante neurobiologisch orientierte Studie von Westen zu politischen Vorurteilen, und hier der Link zu seinem Wikipedia-Eintrag.

Wie ich gerade entdecke, hat der clevere Psychologieprofessor nun auch eine Consultingfirma gegründet.

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Roundtable-Diskussionen zu PsychoNeuro-Themen

Wer sich über moderne Psychoanalyse weitergehend informieren möchte (und des Englischen mächtig ist), kann sich z.B. Videoaufzeichnungen von Roundtable-Diskussionen im New Yorker Philoctetes Center for the Multidisciplinary Study of the Imagination anschauen, mit z.T. namhaften Psychoanalytikern und Wissenschaftlern aus Nachbardisziplinen, die den Entwicklungsstand der heutigen Psychoanalyse wohlwollend oder kritisch begleiten.

Auch zu anderen Themenbereichen dieses Blogs finden im Philoctetes-Center interessante Diskussionsrunden statt, die aufgezeichnet und ins Internet gestellt werden, und die man sich im Web 2.0 – Zeitalter nun mühelos „on demand“anschauen kann. So z.B. Roundtable-Gespräche zum Verhältnis von Neurowissenschaft und Psychologie mit Themen wie „Haben wir einen freien Willen“ (Gesprächsteilnehmer u.a. der Neurowissenschaftler Jaak Panksepp und der Philosoph Joel Whitebook) oder „Mind vs. Soul“, u.a. mit der Philosophin und Psychoanalytikerin Marcia Cavell.

Wer bei dieser Gelegenheit aber in weniger als fünf Minuten erfahren möchte, was es mit dem Web 2.0 denn nun auf sich hat, versäume keinesfalls den berühmt gewordenen Kurzfilm des Kulturanthropologen Michael Wesch:

Ein Psychoanalytiker „inside the mind of President Bush“

Ein interessantes Webangebot ist FORA.tv„The Brilliant Ideas Network for Video Discourse and Debate“. Dort findet sich u.a. ein wahres Prachtexemplar von einem Psychoanalytiker, Justin Frank, der in einer Psycho-Biografie George W. Bush auf die Couch gelegt hat und uns nun wissen lässt, was er „inside the mind of President Bush“ gefunden hat.


Frank befasst sich eingehend mit der Psychodynamik der Persönlichkeit des amerikanischen Präsidenten – mit seinen gravierenden inneren Konflikten, seinen Ängsten und den unreifen Abwehr- und Bewältigungsmechanismen, die er kompensatorisch entwickelt hat. Er berichtet über zahlreiche gut dokumentierte Details aus der Lebensgeschichte von George W. – über den höchst merkwürdigen Umgang der Familie mit dem Tod seiner kleinen Schwester, die an Leukämie starb, als George sieben war, über die Neigung des späteren Präsidenten zu vielerlei Grausamkeiten, angefangen von Fröschen, die der Zehnjährige mittels Feuerwerkskörpern in die Luft sprengte, bis zum physischen Malträtieren von jüngeren Kommilitonen durch den Studenten George W. Bush. Der Psychoanalytiker setzt sich außerdem mit dem langjährigen Alkoholismus des Präsidenten auseinander und geht auf das fragwürdige Heilmittel ein, das Bush im Alter von 40 Jahren für sich entdeckte, die Religion, bzw. seine ganz besondere Beziehung zu Gott, von der er selbst freimütig erzählt hat.
Auf das Verhältnis von Bush zu seinem Vizepräsidenten Cheney angesprochen erläutert Frank seine Einschätzung, dass Dick Cheney zwar „mean“ sei, George Bush im Grunde seines Herzens hingegen „cruel“:

An einer Stelle lässt er sich zu dem typischen altbackenen Analytikerjargon hinreißen – als er seine Zuhörer für den Gedanken gewinnen will, in der unbewußten interpersonellen Dynamik zwischen beiden sei Cheney „der Penis von Bush“. Er meint damit, Bush habe seinen sogenannten phallischen Charakteranteil an Cheney, den alten Haudegen, delegiert.

Mag schon sein, aber dieser Sprachgebrauch hat sich außerhalb psychoanalytischer Zirkel gottlob nicht durchgesetzt, und das wird er auch weiterhin nicht. Er trägt jedoch dazu bei, uns Psychoanalytiker von unserem wissenschaftlichen Umfeld zu isolieren – und gibt uns zudem der Lächerlichkeit preis.

Hier der Link zu dem insgesamt hochinteressanten einstündigen Vortrag von Justin Frank über seine Bush-Biografie, in dem er auch Bezüge zum gegenwärtigen Wahlkampf herstellt. Der engagierte Psychoanalytiker schreibt übrigens Blogbeiträge in der renommierten Huffington Post.

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Hintergründe der spektakulären Parkinson – „Wunderheilung“…

… beleuchtet der Denkraum – mit zarten Hinweisen zu einer psychodynamischen Perspektive auf die jetzt näher bekanntgewordenen Abläufe.