Hintergründe der spektakulären Parkinson – „Wunderheilung“…

… beleuchtet der Denkraum – mit zarten Hinweisen zu einer psychodynamischen Perspektive auf die jetzt näher bekanntgewordenen Abläufe.

Der „Brain-Explorer“ des Lundbeck-Instituts

Das dänische Lundbeck-Institut, eine neurowissenschaftliche Weiterbildungseinrichtung, betreibt mit seinem CNS-Forum eine hervorragend gestaltete Webseite mit zahlreichen „educational resources“ und Informationen zu Neurologie und Psychiatrie.

Den dort enthaltenen Brain Explorer gibt es auch auf deutsch. Er beinhaltet einen Gehirnatlas sowie Darstellungen der neuronalen Funktionen mit aufwändigen Schaubildern, außerdem ausführliche Erläuterungen zu den wichtigsten neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen, ein Glossar und Literaturhinweise.

Darüber hinaus gibt es noch eine Image Bank mit zahlreichen sehr guten, zu Präsentationszwecken frei downloadbaren Darstellungen einzelner Strukturen und Funktionsbereiche des Gehirns sowie eine Linksammlung zu psychiatrischen und neurologischen Journals.

Hier hat man sich mit einer äußerst instruktiven PsychoNeuro-Webseite viel Mühe gegeben.

OpenCourseWare zu Cognitive Sciences vom MIT

Der ZPID-Blog zu E-Learning weist darauf hin, dass das Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Rahmen seiner Beteiligung an dem OpenCourseWare Consortium 80 kostenlose Kurse aus dem Bereich „Brain and Cognitive Sciences“ anbietet. Es handelt sich um englischsprachige Lehrmaterialien des MIT, die im Internet zur freien Nutzung zur Verfügung gestellt werden.

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Strukturelle vs. funktionelle Frontalhirnstörungen

(Philosophische Theorien zum Neuro-TÜV? – 3)

Es ist übrigens bekannt, dass verschiedene Menschen mit einem solchen Konflikt (s. letzter Beitrag) sehr unterschiedlich umgehen: die einen sind erregt und verzweifelt, andere wie gelähmt, wieder andere reagieren eher kaltschnäuzig. Bei letzteren nehmen wir an, dass sie ihr Mitgefühl in derartigen Situationen „abstellen“ oder „abwehren“ können, wenn sie grundsätzlich in der Lage sind, welches zu empfinden. Wie das auf der Funktionsebene des Gehirns abläuft, darüber wissen wir erst wenig.

Vielleicht erlaubt die Untersuchung dazu jedoch eine Hypothese: Bei den coolen Typen bewirkt möglicherweise irgendein Gehirnmechanismus, dass der VMPC mehr oder weniger stillgelegt wird, wenn es hart auf hart kommt. Nach dem bisherigen Kenntnisstand dürfte die Neuromodulation des präfrontalen Cortex in solchen Fällen so modifiziert werden, dass der VMPC in diesem Augenblick nicht aktiv ist. (Ich möchte wetten, der ACC, der anteriore cinguläre Cortex, hat dabei seine Finger im Spiel – wie meistens, wenn es etwas Konflikthaftes zu regeln gilt, gehirnintern …)

Nehmen wir an, es wäre so. Dann wäre die Frage, wie der ACC bei diesem Individuum „gelernt“ hätte, die Neuromodulation des VMPC so zu beeinflussen, dass diese Struktur ruhiggestellt wird. Und warum dieser Lernprozess erfolgt ist. Welche Erfahrungen haben dazu beigetragen? Hat der Betreffende in der Vergangenheit vielleicht derart schmerzhafte Situationen erleben müssen, dass sich bei ihm aus Schutzgründen ein „Gefühlsabstellmechanismus“ entwickelte? Der später in ähnlichen Situationen habituell wirksam wird?

Ich hatte mal einen Patienten, der als Kind von seinem Vater regelmäßig schwer verprügelt wurde und als letzten Akt der Selbstbehauptung genau diesen Mechanismus ganz bewußt einsetzte, um dem Vater nicht noch den Triumph seines Zusammenbruchs zu gönnen. In der geschützten Atmosphäre des Therapieraums und unterstützt durch mein Mitgefühl konnte er seine mittlerweile in zahlreichen Situationen unterdrückten Gefühle nach und nach wieder zulassen und erleben. Einige Monate lang weinte er viel auf meiner Couch. Schon während dieser Zeit lockerte er emotional sehr auf, und sowohl seine Angstzustände als auch seine psychosomatischen Beschwerden verschwanden zunehmend.

Das intensive Wiedererleben des mit den väterlichen Prügeln verbundenen seelischen Schmerzes, das übrigens im Kontrast zu anderen, positiven Erlebnissen mit dem Vater stand, stellte für meinen Patienten eine bewegende und nachhaltige Erfahrung dar. In ähnlicher Weise konnten in einem mehrjährigen Therapieprozess andere Einschränkungen seines psychischen Lebens bearbeitet werden.

Die Funktionsebene des Gehirns betreffend könnten wir vermuten, dass bei ihm eine funktionelle Störung bestimmter neuronaler Regelkreise vorlag, in denen der VMPC eine wesentliche Rolle spielt – im Gegensatz zu den von Damasio u.a. untersuchten Patienten mit einer strukturellen Hirnschädigung. Durch die therpeutischen Erfahrungen konnte die Neuromodulation dieser „Loops“ möglicherweise dahingehend beeinflusst werden, dass der VMPC wieder „zugeschaltet“ wurde.

Nehmen wir an, eines Tages könnte man diese Mechanismen durch Gehirnscans verifizieren. Wäre damit viel gewonnen? Psychotherapeutisch jedenfalls nicht. Auf der psychischen Ebene sind die geschilderten Zusammenhänge seit mehr als hundert Jahren bestens bekannt.

Befunde vs. Hypothesen

(Philosophische Theorien zum Neuro-TÜV? – 2)

Nach der hierzulande engagiert geführten öffentlichen Debatte zwischen Philosophen und Hirnforschern um die Willensfreiheit tritt man in den angelsächsischen Ländern derzeit in eine Auseinandersetzung über Entstehung, Wesen und Funktionsweise unseres moralischen Vermögens ein. Protagonisten sind ebenfalls Neurowissenschaftler und biologisch orientierte Psychologen einerseits und Philosophen andererseits.

Es geht um Fragen wie diese:

  • Sind moralische Urteile bzw. Entscheidungen eine rein rationale Angelegenheit, oder spielen Emotionen dabei eine wesentliche Rolle?
  • Ist unser moralisches Vermögen ein Produkt der Sozialisation, oder ist es angeboren, mit evolutionären Wurzeln im Tierreich?

Die im letzten Beitrag vorgestellte Untersuchung einer Forschergruppe um Antonio Damasio („Descartes Irrtum“; „Ich fühle, also bin ich“) wurde vielfach dahingehend interpretiert, sie ermögliche eine Entscheidung der jahrhundertelangen philosophischen Debatte über das Verhältnis von Rationalität und Emotion bei moralischer Urteilsbildung. Läßt die Studie aber derart weitreichende Schlussfolgerungen zu? Welche Aussagen sind durch die Ergebnisse abgedeckt, welche müssen als hypothetisch angesehen werden?

Situationen, in denen eine unter rationalen Gesichtspunkten vernünftige Handlung emotional aversiv ist, setzen die meisten Menschen einem schmerzhaften inneren Konflikt aus – das ist allgemein bekannt. Von der Dramatik, die entsteht, wenn uns die Vernunft zu einer Handlung drängt, die uns andererseits das Herz zerreißt, leben zahllose Filme und Bühnenstücke.

Patienten mit einer Schädigung des ventromedialen präfrontalen Cortex (VMPC) können sogenannte „soziale“ Emotionen wie Empathie und Mitgefühl nicht empfinden, das zeigt die Damasio-Studie. Offenbar gehört ein intakter VMPC zu den notwendigen Voraussetzungen, damit unser Gehirn diese Emotionen erzeugen bzw. „realisieren“ kann, uns die entsprechenden Gefühle also erleben lassen kann, wenn die Situation es nahelegt – wie normalerweise bei den moralischen Dilemmata, die den Probanden präsentiert wurden.

Die VMPC-Gestörten, fanden die Hirnforscher jetzt heraus, bleiben hingegen bei solchen Gelegenheiten ganz cool und wägen ihre Handlungen auch dann ausschließlich rational nach Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten ab – weil ihnen das mitfühlende Emotionserleben der gesunden Probanden nicht zur Verfügung steht.

Welche Schlussfolgerungen erlaubt dieser Befund?

  1. Das Empfinden von Mitgefühl erfordert einen intakten ventromedialen präfrontalen Cortex.
  2. Ohne Mitgefühl entscheidet man in Fällen moralischer Dilemmata im wesentlichen nach rationalen Kriterien.

Gedankenexperimente über konfliktträchtige Entscheidungen wie beim Trolley-Problem sind auch bei Moralphilosophen beliebt, die sich dadurch eine weitergehende Klärung ihrer Theorien erhoffen. Ihnen geht es dabei jedoch um eine andere Frage: was sollte man in den entsprechenden Situationen tun? Sie interessieren sich nicht für die mentalen Fähigkeiten, die zu einer Entscheidungsfindung erforderlich sind. In Kants berühmter Formulierung: „Wie soll ich handeln?“, und nicht: „Welche geistigen Vermögen soll ich einsetzen, wenn ich mir ein moralisches Urteil bilde?“

Dass Moralphilosophen andererseits manchmal etwas weltfremd sind und zu eingeengten Blickwinkeln neigen – allen voran Kant, bei dem Gefühle im wesentlichen ein Störfaktor sind – steht auf einem anderen Blatt.

(wird fortgesetzt)

„Denkraum“ – Hinweis auf meinen zweiten Blog

Einige meiner Interessen sind hier thematisch nicht unterzubringen. Also habe ich einen zweiten Blog eingerichtet:

Denkraum – Ideen für das 21. Jahrhundert

Natürlich möchte ich ihn bekanntmachen und hier vorstellen. Vielleicht am besten mit dem ersten Beitrag.

Philosophische Theorien zum Neuro-TÜV? (1)

Eine von „Nature vorab online veröffentlichte Studie einer Forschergruppe um Antonio Damasio zieht in den Medien und einschlägigen Blogs große Aufmerksamkeit auf sich – und gibt mir die Gelegenheit, hier eines meiner Lieblingsthemen einzuführen: Die Implikationen von Ergebnissen der Hirnforschung für psychologische und philosophische Theorien, allgemeiner: für unser Menschenbild.

Zum wiederholten Mal untersuchten Hirnforscher die moralische Urteilsbildung von gesunden im Vergleich zu hirngeschädigten Testpersonen. Sechs der Probanden wiesen eine Schädigung des ventromedialen Cortex (VMPC) auf, einer ca. pflaumengroßen Region hinter der Stirn. Der Kollege MC vom Neurophilosophy-Blog hat das entsprechende Schaubild aus dem Originalartikel veröffentlicht – es handelt sich um den roten Bereich.

Sämtliche Versuchspersonen – gesunde, solche mit Hirnschäden anderer Regionen und die VMPC-geschädigten – wurden mit den gleichen Fragen konfrontiert, die jeweils eine moralische Komponente enthielten:

  • „Darf man ein Backrezept ändern, wenn man es so nicht mag?“ (Entspricht der 50-Euro Frage bei Jauch. Hier die 500-Euro-Frage:)
  • „Darf man eine schwere Skulptur von einer Brücke auf Bahnschienen stürzen, um damit 5 Gleisarbeiter vor einem herannahenden Schienenfahrzeug zu retten?“

Bei den Antworten auf Fragen wie diese, die keine schwerwiegenden emotionalen Konflikte auslösen, gab es zwischen den Gruppen keinerlei Unterschiede. Anders war es jedoch, wenn es sich um ausgesprochen unangenehme moralische Dilemmata wie das Trolley-Problem handelte:

  • Statt der Skulptur wäre ein neben einem stehender Fremder von der Brücke zu stürzen.
  • Man könnte einen Weichenhebel umlegen und würde so zwar die fünf Gleisarbeiter retten, nun aber einen anderen in den sicheren Tod schicken.
  • Ein Kranker will andere Menschen mit seiner tödlichen Krankheit anstecken. Würden Sie ihn erschießen, wenn dies die einzige Möglichkeit wäre, das zu verhindern?
  • Ein schreiendes Baby würde zahlreiche Menschen verraten, die sich vor feindlichen Soldaten verstecken. Alle könnten nur gerettet werden, wenn man das Baby töten würde. Würden Sie’s tun?

(Hier die gesamte Liste aller in dem Experiment verwendeten Fragen.)

Es zeigte sich, dass die VMPC-geschädigten Versuchspersonen auch die emotional konfliktreichen Fragen meistens nach rein „rationalen“ Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten entschieden und damit auch keine emotionalen Schwierigkeiten hatten. Aber eben nur diese Teilnehmer blieben cool – bei allen anderen lösten Fragen der zweiten Art drastische Gefühlskonflikte aus. Fazit: Den VMPC-Geschädigten fehlt ganz offensichtlich die entsprechende emotionale Empfindungsfähigkeit.

„Auch im täglichen Leben fehlen ihnen soziale Emotionen wie Empathie und Mitgefühl“, beschreibt Ralph Adolphs, Professor für Psychologie und Neurowissenschaft, dem amerikanischen Wissenschaftsmagazin ScienceDaily die Funktionsausfälle, die zu beklagen sind, wenn der VMPC durch einen Tumor oder Schlaganfall in Mitleidenschaft gezogen wird. Normalerweise blockiere uns Menschen ein Gefühl von Aversion, uns gegenseitig etwas zu Leide zu tun -„a combination of rejection of the act (…) with the social emotion of compassion for that particular person“, ergänzt Antonio Damasio. (Die zahllosen Fälle, in denen uns Menschen dies Aversionsgefühl auch ohne nachgewiesenen Hirnschaden abhanden kommt, erwähnt er nicht.)

Die Erkenntnisse der Studie werden sodann in größere Zusammenhänge gestellt. „Die Frage ist, ob soziale Emotionen für moralische Urteilsbildung notwendig sind“, meint Adolphs. Es gehe um den „jahrhundertealten Streit, ob die Ratio oder Emotionen das moralische Empfinden lenken“, kommentiert die Süddeutsche Zeitung. „The study’s answer will inform a classic philosophical debate on whether humans make moral judgments based on norms and societal rules, or based on their emotions“, so ScienceDaily. „Moral kommt nicht ohne Gefühl aus“, fasst Spiegel Online das Ergebnis zusammen. (War uns das nicht schon immer irgendwie klar?)

„Aber nicht in allen Fällen hängt moralisches Nachdenken so stark von Emotionen ab“, differenziert Marc Hauser, Mitautor der Studie und Harvard-Professor für Psychologie und Biologische Anthropologie, gegenüber ScienceDaily. Die bei moralischen Alltagsfragen oft ausreichende rationale Problemlösungsfähigkeit bleibe bei den VMPC-Geschädigten weitgehend intakt. Nur wenn ein Konflikt zwischen einer emotional aversiven Tat und einem – unter rein utilitaristischen Gesichtspunkten betrachtet – nützlichen Handlungsergebnis besteht, verändern Frontalhirnschäden die Urteilsbildung, die bei intaktem Gehirn in diesen Fällen spannungsreich bis quälend verläuft, in Richtung Gefühlskälte.

Marc Hauser hat zu dem gesamten Themenkomplex übrigens kürzlich ein vielbeachtetes Buch veröffentlicht: „Moral Minds – How Nature Designed Our Universal Sense of Right and Wrong“ (hier die gesammelten Reviews; in der NY Times von dem Philosophen Richard Rorty, mit einer Antwort von Hauser).

ScienceDaily schlussfolgert aus den Studienergebnissen, bei moralischen Entscheidungen seien wenigstens zwei neurale Systeme involviert: eines, an dem Emotionen beteiligt sind, und ein anderes, das eine nüchterne Kosten-Nutzen-Abwägung durchführe. Ersteres sei bei den sechs VMPC-Patienten zerstört, letzteres intakt.

Die Implikationen der Studie seien weitreichend, so das Online-Magazin, denn sie zeige, dass die Neurowissenschaften möglicherweise in der Lage sind, verschiedene Philosophien auf ihre Kompatibilität mit der menschlichen Natur zu testen.

Roth und Singer lassen grüßen. Habermas und Kollegen würden sich die Haare raufen wegen einiger Kurz- und Trugschlüsse, die hier am Werk sind. (Wird fortgesetzt.)