Antidepressiva-Studie: Stellungnahme der DGPPN

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) hat heute gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft für Neuropsychopharmakologie und Pharmakopsychiatrie (AGNP) eine Stellungnahme zu der aufsehenerregenden Forschungsstudie von Prof. Kirsch und Mitarbeitern zur weitgehenden Wirkungslosigkeit von Antidepressiva im Vergleich zu Placebos veröffentlicht. Außerdem wurde dazu eine Pressemitteilung herausgegeben.

Hier der Text der – etwas „wissenschaftlicher“ formulierten – Stellungnahme:

„Irving Kirsch (Department of Psychology, University of Hull, United Kingdom) und Mitarbeiter stellen nun zum dritten Mal innerhalb der letzten 10 Jahre die Wirksamkeit von Antidepressiva auf Basis einer Meta-Analyse (PLoS Medicine)  in Frage, und das wird von der Laienpresse anscheinend begierig aufgenommen. Dabei berichtet Kirsch nichts wirklich Neues.

 

Es ist in zahlreichen Studien beobachtet worden, dass sich ein Antidepressivum
desto ausgeprägter von Placebo abgrenzt, je schwerer die Depression der
untersuchten Patienten ist. Das haben Kirsch et al. nun an Zulassungsstudien, die
der FDA vorgelegt worden waren, repliziert. Dabei sei die signifikante Überlegenheit
der Antidepressiva gegenüber Placebo einer abnehmenden Wirkung von Placebo bei
zunehmend schwerer Depression zuzuschreiben. Auch das ist seit Jahrzehnten
bekannt: Placebo wirkt desto weniger, je schwerer die Depression. Der von Kirsch et
al. replizierte Befund bestätigt gerade die Wirksamkeit von Antidepressiva. Kirsch et
al. finden und beklagen außerdem, dass selbst bei den schwerer Kranken der
Unterschied zwischen den berücksichtigten Antidepressiva und Placebo so gering
sei, dass seine klinische Relevanz (im Sinne eines Nutzens für die Patienten)
fragwürdig sei.

Kirsch et al. haben auch diesmal nur eine kleine Auswahl von Antidepressiva
(Fluoxetin, Venlafaxin, Nefazodon, Paroxetin) in ihrer Analyse berücksichtigt. Eines
dieser Antidepressiva ­ – Nefazodon ­ – wurde vor Jahren wegen Todesfällen
(Leberversagen) vom Markt genommen. Von diesen Antidepressiva gingen Daten
aus nur 35 Studien in die Analyse ein. Kirsch et al. haben sich ausschließlich auf diese wenigen zur FDA-Zulassung eingereichten Studien beschränkt, angeblich um jedeForm von Studienselektion (,,publication bias“) zu vermeiden. Für diese
Antidepressiva liegen inzwischen viel mehr Studien vor. Allein für Venlafaxin gibt es
mindestens 22 Placebo-kontrollierte Studien.

Implizit halten Kirsch et al. der FDA vor, Antidepressiva zugelassen zu haben, ohne
dass eine klinisch relevante Wirkung belegt gewesen sei. Hier offenbaren Kirsch et
al. einen grundlegenden methodischen Irrtum: Meta-Analysen bergen immer das
Risiko, die Ergebnisse methodisch mangelhafter Studien mit solchen aussagefähiger
Studien zu vermischen. Mit guten Gründen akzeptieren Zulassungsbehörden keine
Meta-Analysen als Wirksamkeitsbeleg, sondern verlangen ­ mindestens zwei von
einander unabhängige, positive Studien mit klinisch relevantem Ausmaß der
Wirkung. Das kann die Meta-Analyse von Kirsch nicht widerlegen.

Schließlich stellt sich die Frage, ob in Studien gemessene mittlere Besserungen
tatsächlich ein geeignetes Maß für klinische Relevanz im Sinne des
Patientennutzens darstellen. Den einzelnen Patienten interessiert, welche Wahrscheinlichkeit ihm geboten wird, sich in einer Zeit von z.B. 6 Wochen gesund zu fühlen (Remission). Hier liegt der Unterschied zwischen einem Antidepressivum und Placebo typischerweise bei 10-20% (unter dem Antidepressivum z.B. bei 35%, unter Placebo bei 30%). Das bedeutet, es müssen 5-10 Patienten mit dem
Antidepressivum behandelt werden, um eine spezifisch dem Antidepressivum
zuzuschreibende Remission zu erzielen (Number needed to treat NNT=10). Das ist
eine im Vergleich zu vielen anderen medizinischen Interventionen beachtliche
Wirksamkeit.

 

Ob dabei Antidepressiva alle gleichermaßen wirksam­ sind, ­ wie von Kirsch et al.
behauptet, mag dahingestellt bleiben; jedenfalls fand die Meta-Analyse von
Machado et al. (2006) gerade in der Remissionsrate eine Überlegenheit u.a. von
Venlafaxin (und anderen Antidepressiva vom Typ der selektiven Serotonin- und
Noradrenalin-Aufnahmehemmer) gegenüber selektiven Serotonin-
Aufnahmehemmern wie Fluoxetin, ebenso die Meta-Analyse von Nemeroff et al.
(2008).

Es ist selbstverständlich, dass in jedem Einzelfall die Indikation zur Behandlung mit
einem Antidepressivum sorgfältig abzuwägen ist, wobei der Patient auf Basis
umfassender Information am Ende nach seinen eigenen Präferenzen entscheidet.

Literatur:

Machado M, Iskedjian M, Ruiz I, Einarson TR: Remission, dropouts, and adverse
drug reaction rates in major depressive disorder: a meta-analysis of head-to-head
trials. Curr Med Res Opin 22 (2006) 1825-1837

Nemeroff CB, Entsuah R, Benattia I, Demitrack M, Sloan DM, Thase ME:
Comprehensive analysis of remission (COMPARE) with venlafaxine versus SSRIs.
Biol Psychiatry 63 (2008) 424-434

Korrespondenz:

Prof. Dr. med. Jürgen Fritze
Gesundheitspolitischer Sprecher der Deutschen
Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und
Nervenheilkunde (DGPPN)
D-50259 Pulheim
Asternweg 65″

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