Antidepressiva-Studie: Kommentar aus dem Max-Planck-Institut für Psychiatrie

Während zahlreiche Presseorgane die aufsehenerregenden Ergebnisse einer  Forschungsstudie über die Wirksamkeit von Antidepressiva unkritisch zuspitzen, geht der „FOCUS“ einen anderen Weg. In einem Gespräch mit Dr. Marcus Ising vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie (München) wird versucht, die Studienergebnisse umfassender einzuordnen und zu interpretieren. Hier die wesentlichen Auszüge des FOCUS-Berichts – Hervorhebungen von mir:

„Der Artikel beschreibt etwas, was wir schon sehr lange wissen“, sagt dazu Marcus Ising vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München im Gespräch mit FOCUS-Online. SSRI, zu denen auch Prozac zählt, wirken besonders gut bei Menschen, die zum ersten Mal an einer schweren Depression erkranken. „Nicht so ausgeprägte, aber chronifizierte Formen, sind hingegen sehr schwer zu behandeln“, weiß der Mediziner. 

Hauptproblem ist somit, dass es viele, ganz unterschiedliche Formen von Depressionen gibt. Bei einigen – auch weniger ausgeprägten Formen – schlagen die Mittel gut an, bei anderen nicht. Mischen sich solche Patienten in einer Studie, verwässert das zwangsläufig den Wirkeffekt.

SSRI steht für den Begriff Selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Die Medikamente bewirken, dass der Serotoninspiegel im Gehirn steigt. Tatsächlich verändert sich schon Minuten nach der Einnahme die Zusammensetzung der Botenstoffe im Denkorgan – die Stimmung erhellt sich aber erst nach frühestens zwei Wochen. Was in der Zwischenzeit passiert, darüber weiß man wenig – und auch nicht, warum der erhoffte Effekt bei einigen Patienten ganz ausbleibt.

Noch ein weiteres gravierendes Problem verzerrt das Ergebnis der Studien: Untersuchungen, die in den USA durchgeführt werden – und das sind die meisten – , rekrutieren vielfach Probanden, die sonst wenig Betreuung haben, weiß Marcus Ising. „Diese Patienten fühlen sich schon deshalb besser, weil ihnen überhaupt jemand zuhört, Anteil nimmt, ihnen hilft“, sagt der Forscher. Dieser unspezifische therapeutische Effekt wirkt in beiden Patientengruppen gleichermaßen – und führt dazu, dass sich die Ergebnisse von Placebo- und Wirkstoffgruppe annähern.

Dass Antidepressiva tatsächlich helfen, darauf weisen zumindest die Suizidzahlen des statistischen Bundesamtes hin. Seit 1980 hat sich die Zahl der Selbsttötungen von 25 auf elf pro 100 000 Einwohner und Jahr mehr als halbiert. „Fast zeitgleich haben sich bei uns die modernen Antidepressiva durchgesetzt – ein deutliches Indiz“, sagt Marcus Ising. Das Phänomen gibt es nicht nur in Deutschland, es zeigt sich weltweit.

Der Forscher kann noch mit einem weiteren gewichtigen Hinweis für die Wirksamkeit der Medikamente aufwarten: „Viele Rückfälle passieren, wenn ein Patient sein Medikament abrupt absetzt.“

Derzeit forschen Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut, aber auch weltweit, daran, maßgeschneiderte Medikamente und biochemische Diagnosemittel für die vielen verschiedenen Depressionsmechanismen zu entwickeln. Aber das ist noch Zukunftsmusik. Fest steht, dass es im Bereich der Antidepressiva noch viel zu verbessern gibt: „Aber momentan sind sie das Beste, was wir haben“, sagt Marcus Ising. Jedes Jahr retten sie weltweit unzähligen Menschen das Leben. Selbst eine leichte Verbesserung kann in der Finsternis der Depression den rettende Hoffnungsschimmer bedeuten.

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