Studie: Antidepressiva nur bei sehr schweren Depressionen wirksamer als Placebo

Eine heute in PLoS Medicine veröffentlichte Studie sorgt weltweit für Furore. In einer sogenannten Metaanalyse, also einer nachträglichen zusammenfassenden Analyse und Beurteilung früherer Studien, untersuchten die Autoren die Wirksamkeit von Antidepressiva in Abhängigkeit vom Schweregrad der Depression bei Behandlungsbeginn. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die Wirksamkeitsunterschiede zwischen Antidepressiva und Placebos mit steigendem Schweregrad der Depression bei Behandlungsbeginn zunahmen.

Das Überraschende war:  Bei leichten und mäßig schweren Depressionen  konnte praktisch kein Unterschied in der Wirksamkeit von Antidepressiva und Placebos festgestellt werden. Erst bei Patienten mit sehr schweren Depressionen bei Behandlungsbeginn fand sich ein – relativ geringer – Unterschied in der Effektivität einer Behandlung mit Antidepressiva oder Placebos.

Übliche Signifikanzkriterien hinsichtlich der Wirksamkeitsunterschiede wurden nur bei Patienten erreicht, die extrem schwer erkrankt waren.

Die Autoren der Forschungsstudie führen dieses Ergebnis eher auf ein vermindertes Ansprechen der sehr schwer erkrankten Patienten auf Placebo als auf eine gesteigerte Wirksamkeit der Antidepressiva bei dieser Patientengruppe zurück.

Sollte dieses Ergebnis einer kritischen Überprüfung standhalten, so kommt dies – bei aller gebotenen Zurückhaltung – einer Sensation gleich. Es bedeutet im Klartext, dass die weitaus meisten an einer Depression erkrankten Patienten ebenso gut mit Placebos behandelt werden könnten wie mit „echten“ Antidepressiva. Wohlgemerkt: Tabletten wären in der Behandlung von Depressionen auch weiterhin effektiv – aber sie müssten keinerlei spezifische Wirkstoffe enthalten.

Die Studie wurde – wie üblich – peer reviewed und ist in einem renommierten Open-Access-Journal erschienen, also für jedermann zugänglich.

Ausführliche Berichte bringt auch die heutige Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts und Spiegel Online. Hier außerdem eine Pressemeldung der Universität Hull, wo der Erstautor Prof. Kirsch lehrt und forscht, und ein Bericht von BBC News.

Von mir einstweilen folgender Kommentar: Jeder Praktiker kennt die z.T. dramatischen Verbesserungen, die sich bei sehr vielen an Depressionen leidenden Patienten zwei bis drei Wochen nach Beginn der Medikamenteneinnahme einstellen. Da in der Alltagspraxis nicht mit Placebos behandelt wird, könnten diese – m.E. unbezweifelbaren – Wirkungen „theoretisch“ auch mit Tabletten erzielt werden, die keinerlei antidepressiven Wirkstoff enthalten.

Dagegen spricht jedoch die ebenfalls jedem Praktiker bekannte Erfahrung, dass Tabletten mit bestimmten Wirkstoffen – einigen wenigen, die ich hier nicht nennen möchte – in aller Regel nicht oder fast nicht wirken, Tabletten mit anderen Wirkstoffen hingegen schon.

Ich werde mich mit dieser irritierenden Forschungsstudie und den Reaktionen darauf in den nächsten Tagen näher befassen und hier weitergehend darüber berichten.

Nachfolgend einige Links zu ersten Kommentaren der einschlägigen angloamerikanischen Bloggerszene:

Tailrank vermittelt einen ersten Eindruck von der enormen weltweiten Resonanz der Forschungsstudie.

Mit einer ähnlich irritierenden Studie zum gleichen Thema, die im Januar im renommierten New England Journal of Medicine erschienen ist, hat sich Peter D. Kramer („Listening to Prozac“) in einem längeren Artikel in Slate eingehend auseinandergesetzt.

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