Thema „Gewalt“: Medien in Erklärungsnot

Einen bemerkenswerten Zwischenruf der 28-jährigen Doktorandin Jehan Mullin aus Ohio zum Umgang der amerikanischen Medien mit dem Amoklauf in Blacksburn hat die Zeit veröffentlicht.

Ihre Bestürzung über das Massaker habe sich zu „Abscheu über die Form, die die Debatte annahm“, entwickelt. Bei Konflikt- und Sensationsberichten „bleiben die Zuschauer dran und die Einschaltquoten hoch“, was auch die „Über-Berichterstattung“ in diesem Fall erkläre.

Vor allem die Suche nach einfachen Erklärungen stört Mullin, die gerade ein Anthropologie-Studium beendet hat. Sie habe gehört, in Japan würden an Diskussionsrunden mindestens drei Personen teilnehmen, von denen jede einen anderen Standpunkt vertrete.

„Amerikanische Leser oder Zuschauer scheinen nicht einmal daran zu denken, dass möglicherweise drei Seiten einer Geschichte existieren, dass es drei mögliche Lösungen oder Erklärungen geben kann. Geschweige denn vier oder fünf. Für uns gibt es immer nur zwei Möglichkeiten, zwei Seiten der Medaille. Für uns ist es immer das eine oder das andere. (…) Man muss wählen, ob man für oder gegen den Waffenbesitz ist. (…)

Traurigerweise sieht es in Amerika immer so aus, als ob entweder das eine oder das andere Schuld an allem hätte – entweder sind es die Waffengesetze oder die Videospiele. (…) Eine Seite sagt, dass der leichte Zugang zu Waffen für die Massaker verantwortlich ist. So als ob nichts anderes zu dem Hang zur Gewalt in unserer Gesellschaft beiträgt. Die andere Seite sagt, dass die Waffen tatsächlich überhaupt nichts damit zu tun haben. (…) Es ist diese falsche und absurde „Alles oder nichts“-Einstellung, diese „Entweder oder“-Art, die Welt zu betrachten, die eine Polarisierung in allen Bereichen amerikanischer Politik erzwingt und weder die Schwere dieses tragischen Ereignisses angemessen zu thematisieren noch auf die amerikanische Fixierung auf Schießorgien einzugehen vermag.“

Wie steht es nun mit den Erklärungsversuchen der „Zeit“ und der „FAZ“ – der Blätter für die „klugen Köpfe“ bei uns in „Old Germany“?

Thomas Kleine-Brockhoff empört sich in der Zeit über die Professoren Heitmeyer und Bronfen, die in Interviews (hier und hier) im wesentlichen die Kultur der Gewalt in Amerika als „wahren Hintergrund der Bluttat“ ausgemacht hätten (was für Heitmeyer nicht zutrifft). Nach Auffassung des Journalisten müsse „man sich (gottlob) mit all den kulturellen Erklärungen über das Wesen Amerikas nicht mehr herumschlagen, seitdem klar ist, dass es sich um einen psychisch schwer gestörten Täter handelte. Einen, der schon in stationärer Behandlung war.“

Ludwig Greven nimmt Heitmeyer in Schutz, denn er habe schließlich auch „darauf verwiesen, dass Amokläufe generell häufig das Ergebnis vielfältiger Kränkungen sind, die sich bei bestimmten Menschen nach einer längeren Phase des sich allmählich aufstauenden Hasses in einer Orgie der – auch selbstzerstörerischen – Gewalt entladen.“ Man müsse aber die Frage stellen,

„gibt es Faktoren, die es erleichtern oder befördern, dass ein Mensch jede moralische innere Hemmung verliert und seine Gewaltphantasien durchaus planvoll und scheinbar grenzenlos in die Tat umsetzt? Denn grundsätzlich trägt ja jeder Mensch Wut-, Hass- und Rachegefühle in sich. Normalerweise aber leben wir diese Gewaltwünsche nicht aus, weil wir gelernt haben, innere und äußere Konflikte, wozu auch tiefe Kränkungen gehören, anders zu bewältigen. Und weil wir Normen verinnerlicht haben und im günstigen Fall in einem sozialen Umfeld leben, das uns daran hindert, zum Gewalttäter zu werden. (…) Deshalb lohnt es sich schon, weiter der Frage nachzugehen, weshalb gerade dieser 23-jährige Cho Seung-Hui ausgerastet ist und keiner der 25.999 Kommilitonen an der VirginiaTech. Weshalb er zum einsamen Rächer wurde – während sein Bruder und seine Schwester in Princeton studierten und Karriere machten. Wie wurde er zum Psychopathen und Massenmörder?

Grevens Antwort nimmt nun eine überraschende Wendung. Man würde erwarten, er käme jetzt auf die Besonderheiten der Persönlichkeit des jungen Cho zu sprechen, die ja mittlerweile gut bekannt sind und ihn in der Tat von den allermeisten seiner Kommilitonen und gewiss auch von seinen Geschwistern erheblich unterschieden haben. Stattdessen schreibt Greven jedoch: „Hier kommt die Gesellschaft ins Spiel.“Amokläufe seien, das habe die Wissenschaft festgestellt,

„fast immer das Ergebnis vielfacher psychischer und sozialer Faktoren. (…) Was also befördert das Umsetzen von Gewaltphantasien in einen Massenmord? Trägt etwa – neben den psychischen Faktoren – die Einstellung einer Gesellschaft zur Gewalt dazu bei, diesen Schritt zu erleichtern?“

Die Frage liege nahe, ob die Zunahme der Amokläufe in den USA in den vergangenen Jahrzehnten „etwas mit dem spezifischen Umgang mit Gewalt und deren ‚Normalität‘ in der amerikanischen Gesellschaft zu tun hat. Es sei unbestreitbar, „dass die Gewalt- und Mordrate in den USA wesentlich höher ist als in Europa. Jugendliche erleben dort (…) in ihrem unmittelbaren Umfeld um ein Vielfaches häufiger Mord- und Gewalttaten als ihre europäischen Altersgenossen. Bleibt dies ohne Wirkung?

Zeit-Chefredakteur Josef Joffe warnt in seinem Kommentar davor, einen Amoklauf wie den in Virginia mit „Instant-Deutungen“ und „durch allgemeine und höchst voreilige Theorien“ zu erklären. So könnten die laxen Waffengesetze den Massenmord schon deshalb nicht erklären, weil es ähnliche Fälle auch in Ländern mit scharfen Bestimmungen gebe. Für „journalistische Schnell-Deuter“ müsse „das eiserne Gesetz gelten: Nie den Einzelfall anhand genereller Theorien erklären.

Cho sei „eine wandelnde Zeitbombe“ gewesen, ein „Musterbeispiel einer pathologischen Persönlichkeit.“ Zeugen hätten ihn als „wutgeladen, bedrohlich, verstört und deprimiert“ beschrieben. Im Unterricht habe er nie ein Wort gesagt und sei bereits psychotherapeutisch behandelt worden.

Fazit des Chefredakteurs: „Die einzig gesicherte Erkenntnis lautet: Amokläufer sind Selbstmörder. Wenn sie nicht systematisch indoktriniert und manipuliert werden, wie zum Beispiel die Selbstmord-Attentäter der Hamas, geben kulturelle, politische oder soziologische Theorien nichts her. Der Einzeltäter ist ein Einzeltäter, und die einzelne Tat erfordert eine individualpsychologische Erklärung.

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