Thema „Gewalt“: Wissenschaften in Erklärungsnot (1)

Zurück aus dem Osterurlaub fällt mir ein vernünftiger Kommentar zum Universitätsmassaker in Virginia alles andere als leicht. Aus einer Übersicht einiger in der „Zeit“, der FAZ und dem „Spiegel“ veröffentlichten Analysen werde ich daher im wesentlichen Fragen und Hypothesen darüber ableiten, warum sich die einschlägigen Wissenschaften mit der Erklärung von individuellen und kollektiven Gewaltakten immer noch so schwer tun und orientierungssuchenden Journalisten, Politikern und Intellektuellen einen bunten Strauß verschiedener Ansätze und Denkrichtungen anbieten – die sich oftmals nicht im Sinne von Akzentsetzungen ergänzen, sondern in ihren Erklärungsansprüchen konkurrieren.

 

An den journalistischen Analysen des Amoklaufs in Blacksburg fällt oft ein schwadronierender essayistischer Stil unangenehm auf, den man wohl als Anzeichen für Erklärungsnot werten darf, die auf diese Weise überspielt werden soll. Bei der Ursachenforschung konkurrieren – je nach Weltbild und Vorliebe des Autors – eine individualpsychologische und eine kollektivpsychologische, kultur- bzw. gesellschaftsbezogene Erklärungstendenz.

 

Die „Zeit“ hat eine ganze Kommentarserie veröffentlicht. Zu Beginn wurde Prof. Wilhelm Heitmeyer interviewt, der an der Universität Bielefeld das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung leitet und seit vielen Jahren über Themen wie Jugendgewalt und Fremdenfeindlichkeit forscht.

 

Die erste Frage des Interviewers: „Wieso geschehen solche Amokläufe wie jetzt in Blacksburg vor allem in den USA? Gibt es dort eine bestimmte Gewaltkultur, die solche Massaker befördert?“ Nach einem relativierenden Hinweis auf Erfurt und Emsdetten bemerkt Heitmeyer,

 

„… die Zahl der Amokläufe (ist) in den USA in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Daher kann man schon von einer Kultur der Gewalt in Amerika sprechen. Gewalt und der Einsatz von Waffen sind dort selbstverständlich. Dazu gehört auch, dass die amerikanische Gesellschaft über solche Ereignisse immer wieder zur Tagesordnung übergeht.“

 

Während der Hinweis auf die amerkanische Gewaltkultur gewiss richtig ist, trifft es nicht zu, dass die amerikanische Gesellschaft danach zur Tagesordnung übergeht. Nach dem Massaker in Columbine wurden an den Schulen und Universitäten des Landes zahlreiche, durchaus erfolgreiche Programme zur Prävention derartiger Vorfälle eingerichtet. Von den dadurch verhinderten Gewalttaten hört man lediglich nicht.

 

Die nächste Frage zielt auf die laxen Waffengesetze in den USA. Heitmeyers Antwort:

 

„Wichtig ist die Waffenkultur, also die Einstellung zum Besitz von Waffen und die Waffengesetze. Die sind in den USA dermaßen aufgeweicht worden, dass beispielsweise die Frage der Notwehr in einigen Bundesstaat nur noch davon abhängt, ob man sich angegriffen fühlt. Das reicht dann, um schießen zu dürfen. Solche Aufweichungen von Normen tragen dazu bei, dass der Einsatz von Waffen selbstverständlich wird.“

 

Dies trifft gewiss auf viele Schießereien im amerikanischen Alltag zu, nur Massaker wie die von Columbine und Blackburn erklärt es nicht. Der Professor vernachlässigt an dieser Stelle eklatant die individualpsychologische Komponente. In beiden Fällen handelte es sich um Täter mit hochgradig psychopathologischen Persönlichkeitsstrukturen.

 

Der Interviewer kommt nun zu diesem individuellen Aspekt: „Was geht in einem Menschen vor sich, dass er jede Hemmung verliert, massenhaft und derart wahllos Menschen zu töten?“ Heitmeyers Antwort:

 

„Bei Amok bricht jedes Normengebäude, das normalerweise die Gewalt einhegt, zusammen. Im Grundsatz steht ja jedem Menschen Gewalt zu jeder Zeit als Mittel zur Verfügung. Sie wird aber normalerweise durch Normen und Gesetze eingedämmt. Deshalb sind auch nicht die Waffen an sich und die Verfügung über sie das Problem, sondern die Frage, inwieweit sie in Normen eingebunden sind. In einer Armee beispielsweise ist der Einsatz von Waffen genau geregelt – in der Zivilgesellschaft in der Regel nicht. Dort sind sie ja eigentlich nicht vorgesehen, und da brechen dann unter bestimmten Umständen alle Normen ein, die den Einsatz von Waffen normalerweise verhindern.“

 

Hier greift der Professor nun zwar kurz einen auf das Individuum bezogenen psychologischen Aspekt heraus: den Einbruch des verinnerlichten Normengebäudes, das normalerweise Handlungen eindämmt, die allgemein akzeptierten Regeln zuwiderlaufen – um dann jedoch sogleich wieder bei seinem Lieblingsthema zu landen, der kulturellen Komponente, also der tendenziellen Tabuisierung oder Begünstigung von Gewalthandlungen durch das gesellschaftliche Normengefüge. Dass er diesen Aspekt so überbetont, bringt ihm einen geharrnischten, aber leider polemischen Gegenkommentar von Thomas Kleine-Brockhoff ein, dem eine Erwiderung und Verteidigung Heitmeyers durch seinen Interviewer Ludwig Greven folgt – und die Mahnung von Zeit-Chefredakteur Josef Joffe, einen Amoklauf wie den in Virginia „nicht durch allgemeine und höchst voreilige Theorien“ zu erklären.

 

Heitmeyer, übrigens von Hause aus Soziologe, erwähnt noch einen wichtigen Aspekt: Gewalt sei immer auch eine Machtdemonstration. Bei Gewalt im Zusammenhang mit „Beziehungsdramen“ sei „bekannt, dass die Ohnmacht, einen Konflikt auf anderem Wege zu lösen, umschlagen kann in eine solche gewaltsame Machtdemonstration.“ Zudem seien Amokläufe „in gewisser Weise auch ein Weg in die Unsterblichkeit. Der Name des Amokläufers wird sich einbrennen in die Geschichte. So tritt der Täter aus dem Gefühl der Ohnmacht heraus.“

 

Auf die Frage, weshalb Amokläufe so häufig an Schulen oder einer Universität passieren, weist Heitmeyer zurecht darauf hin, „die Schulen (waren) … die Orte, wo die Täter seelisch tief verletzt wurden, wo ihnen Anerkennung versagt wurde.“ (wird fortgesetzt)

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Veröffentlicht in Gewalt, Kultur. 1 Comment »

Eine Antwort to “Thema „Gewalt“: Wissenschaften in Erklärungsnot (1)”

  1. Monika Armand Says:

    An Ihrem Artikel lässt sich Ihre Lebens-, Berufs- und Wissenschaftserfahrung sehr schön ablesen 😉
    Ich stimme Ihnen inhaltlich voll und ganz zu und freue mich auf Ihre Fortsetzung. Lars Fischer, Roland Kobald und ich haben sich (unter einem etwas anderen Aspekt)in unseren Blogs auch mit dieser Thematik auseinandergesetzt. Heute habe ich im Nachtrag gleich noch einen Verweis auf Ihren Beitrag angebracht.

    Und hier die Links und Backlinks:
    Zu Gewalt in Computerspielen – ein Fragment (notgedrungen)

    Gewalt vs Games (by Roland Kobald) von admin1 in Virtual Reality & Games

    Müssen Kinder ballern und sich prügeln? Ja, sagt Thomas Hartmann

    Dass etwas „Gewalt“ oder besser „Aggression“ zum Leben dazugehört, habe ich auf meinem Blog Sozialwissenschaften
    mit Videos unserer beiden Hunde zu zeigen versucht 😉

    Anmerkung zu einem vielleicht? technischen Problem:
    Traurig: irgendwie erschienen Ihre letzten Beiträge hier nicht in meinem Feedreader Ihres Blogs. Ich bin per Zufall, d.h. per google-Suche darauf gestoßen. Auch eine Erneuerung meines google-Feedreaders hat nichts gebracht…..


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