Befunde vs. Hypothesen

(Philosophische Theorien zum Neuro-TÜV? – 2)

Nach der hierzulande engagiert geführten öffentlichen Debatte zwischen Philosophen und Hirnforschern um die Willensfreiheit tritt man in den angelsächsischen Ländern derzeit in eine Auseinandersetzung über Entstehung, Wesen und Funktionsweise unseres moralischen Vermögens ein. Protagonisten sind ebenfalls Neurowissenschaftler und biologisch orientierte Psychologen einerseits und Philosophen andererseits.

Es geht um Fragen wie diese:

  • Sind moralische Urteile bzw. Entscheidungen eine rein rationale Angelegenheit, oder spielen Emotionen dabei eine wesentliche Rolle?
  • Ist unser moralisches Vermögen ein Produkt der Sozialisation, oder ist es angeboren, mit evolutionären Wurzeln im Tierreich?

Die im letzten Beitrag vorgestellte Untersuchung einer Forschergruppe um Antonio Damasio („Descartes Irrtum“; „Ich fühle, also bin ich“) wurde vielfach dahingehend interpretiert, sie ermögliche eine Entscheidung der jahrhundertelangen philosophischen Debatte über das Verhältnis von Rationalität und Emotion bei moralischer Urteilsbildung. Läßt die Studie aber derart weitreichende Schlussfolgerungen zu? Welche Aussagen sind durch die Ergebnisse abgedeckt, welche müssen als hypothetisch angesehen werden?

Situationen, in denen eine unter rationalen Gesichtspunkten vernünftige Handlung emotional aversiv ist, setzen die meisten Menschen einem schmerzhaften inneren Konflikt aus – das ist allgemein bekannt. Von der Dramatik, die entsteht, wenn uns die Vernunft zu einer Handlung drängt, die uns andererseits das Herz zerreißt, leben zahllose Filme und Bühnenstücke.

Patienten mit einer Schädigung des ventromedialen präfrontalen Cortex (VMPC) können sogenannte „soziale“ Emotionen wie Empathie und Mitgefühl nicht empfinden, das zeigt die Damasio-Studie. Offenbar gehört ein intakter VMPC zu den notwendigen Voraussetzungen, damit unser Gehirn diese Emotionen erzeugen bzw. „realisieren“ kann, uns die entsprechenden Gefühle also erleben lassen kann, wenn die Situation es nahelegt – wie normalerweise bei den moralischen Dilemmata, die den Probanden präsentiert wurden.

Die VMPC-Gestörten, fanden die Hirnforscher jetzt heraus, bleiben hingegen bei solchen Gelegenheiten ganz cool und wägen ihre Handlungen auch dann ausschließlich rational nach Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten ab – weil ihnen das mitfühlende Emotionserleben der gesunden Probanden nicht zur Verfügung steht.

Welche Schlussfolgerungen erlaubt dieser Befund?

  1. Das Empfinden von Mitgefühl erfordert einen intakten ventromedialen präfrontalen Cortex.
  2. Ohne Mitgefühl entscheidet man in Fällen moralischer Dilemmata im wesentlichen nach rationalen Kriterien.

Gedankenexperimente über konfliktträchtige Entscheidungen wie beim Trolley-Problem sind auch bei Moralphilosophen beliebt, die sich dadurch eine weitergehende Klärung ihrer Theorien erhoffen. Ihnen geht es dabei jedoch um eine andere Frage: was sollte man in den entsprechenden Situationen tun? Sie interessieren sich nicht für die mentalen Fähigkeiten, die zu einer Entscheidungsfindung erforderlich sind. In Kants berühmter Formulierung: „Wie soll ich handeln?“, und nicht: „Welche geistigen Vermögen soll ich einsetzen, wenn ich mir ein moralisches Urteil bilde?“

Dass Moralphilosophen andererseits manchmal etwas weltfremd sind und zu eingeengten Blickwinkeln neigen – allen voran Kant, bei dem Gefühle im wesentlichen ein Störfaktor sind – steht auf einem anderen Blatt.

(wird fortgesetzt)

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Eine Antwort to “Befunde vs. Hypothesen”

  1. Markus Wichmann Says:

    Der interessante Blog „The Garden of Forking Paths“ weist ebenfalls auf die Studie hin. Die Kommentare zu dem Beitrag zeugen von Humor.

    Z.B. dieser: „Which utilitarian will be the first to argue that there is an obligation to damage your ventromedial prefrontal cortex? Maybe someone should start a pool.“

    Auch Mixing Memory bringt einen ausführlichen Artikel zu der Untersuchung – ebenfalls mit einem Schaubild versehen.


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