Philosophische Theorien zum Neuro-TÜV? (1)

Eine von „Nature vorab online veröffentlichte Studie einer Forschergruppe um Antonio Damasio zieht in den Medien und einschlägigen Blogs große Aufmerksamkeit auf sich – und gibt mir die Gelegenheit, hier eines meiner Lieblingsthemen einzuführen: Die Implikationen von Ergebnissen der Hirnforschung für psychologische und philosophische Theorien, allgemeiner: für unser Menschenbild.

Zum wiederholten Mal untersuchten Hirnforscher die moralische Urteilsbildung von gesunden im Vergleich zu hirngeschädigten Testpersonen. Sechs der Probanden wiesen eine Schädigung des ventromedialen Cortex (VMPC) auf, einer ca. pflaumengroßen Region hinter der Stirn. Der Kollege MC vom Neurophilosophy-Blog hat das entsprechende Schaubild aus dem Originalartikel veröffentlicht – es handelt sich um den roten Bereich.

Sämtliche Versuchspersonen – gesunde, solche mit Hirnschäden anderer Regionen und die VMPC-geschädigten – wurden mit den gleichen Fragen konfrontiert, die jeweils eine moralische Komponente enthielten:

  • „Darf man ein Backrezept ändern, wenn man es so nicht mag?“ (Entspricht der 50-Euro Frage bei Jauch. Hier die 500-Euro-Frage:)
  • „Darf man eine schwere Skulptur von einer Brücke auf Bahnschienen stürzen, um damit 5 Gleisarbeiter vor einem herannahenden Schienenfahrzeug zu retten?“

Bei den Antworten auf Fragen wie diese, die keine schwerwiegenden emotionalen Konflikte auslösen, gab es zwischen den Gruppen keinerlei Unterschiede. Anders war es jedoch, wenn es sich um ausgesprochen unangenehme moralische Dilemmata wie das Trolley-Problem handelte:

  • Statt der Skulptur wäre ein neben einem stehender Fremder von der Brücke zu stürzen.
  • Man könnte einen Weichenhebel umlegen und würde so zwar die fünf Gleisarbeiter retten, nun aber einen anderen in den sicheren Tod schicken.
  • Ein Kranker will andere Menschen mit seiner tödlichen Krankheit anstecken. Würden Sie ihn erschießen, wenn dies die einzige Möglichkeit wäre, das zu verhindern?
  • Ein schreiendes Baby würde zahlreiche Menschen verraten, die sich vor feindlichen Soldaten verstecken. Alle könnten nur gerettet werden, wenn man das Baby töten würde. Würden Sie’s tun?

(Hier die gesamte Liste aller in dem Experiment verwendeten Fragen.)

Es zeigte sich, dass die VMPC-geschädigten Versuchspersonen auch die emotional konfliktreichen Fragen meistens nach rein „rationalen“ Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten entschieden und damit auch keine emotionalen Schwierigkeiten hatten. Aber eben nur diese Teilnehmer blieben cool – bei allen anderen lösten Fragen der zweiten Art drastische Gefühlskonflikte aus. Fazit: Den VMPC-Geschädigten fehlt ganz offensichtlich die entsprechende emotionale Empfindungsfähigkeit.

„Auch im täglichen Leben fehlen ihnen soziale Emotionen wie Empathie und Mitgefühl“, beschreibt Ralph Adolphs, Professor für Psychologie und Neurowissenschaft, dem amerikanischen Wissenschaftsmagazin ScienceDaily die Funktionsausfälle, die zu beklagen sind, wenn der VMPC durch einen Tumor oder Schlaganfall in Mitleidenschaft gezogen wird. Normalerweise blockiere uns Menschen ein Gefühl von Aversion, uns gegenseitig etwas zu Leide zu tun -„a combination of rejection of the act (…) with the social emotion of compassion for that particular person“, ergänzt Antonio Damasio. (Die zahllosen Fälle, in denen uns Menschen dies Aversionsgefühl auch ohne nachgewiesenen Hirnschaden abhanden kommt, erwähnt er nicht.)

Die Erkenntnisse der Studie werden sodann in größere Zusammenhänge gestellt. „Die Frage ist, ob soziale Emotionen für moralische Urteilsbildung notwendig sind“, meint Adolphs. Es gehe um den „jahrhundertealten Streit, ob die Ratio oder Emotionen das moralische Empfinden lenken“, kommentiert die Süddeutsche Zeitung. „The study’s answer will inform a classic philosophical debate on whether humans make moral judgments based on norms and societal rules, or based on their emotions“, so ScienceDaily. „Moral kommt nicht ohne Gefühl aus“, fasst Spiegel Online das Ergebnis zusammen. (War uns das nicht schon immer irgendwie klar?)

„Aber nicht in allen Fällen hängt moralisches Nachdenken so stark von Emotionen ab“, differenziert Marc Hauser, Mitautor der Studie und Harvard-Professor für Psychologie und Biologische Anthropologie, gegenüber ScienceDaily. Die bei moralischen Alltagsfragen oft ausreichende rationale Problemlösungsfähigkeit bleibe bei den VMPC-Geschädigten weitgehend intakt. Nur wenn ein Konflikt zwischen einer emotional aversiven Tat und einem – unter rein utilitaristischen Gesichtspunkten betrachtet – nützlichen Handlungsergebnis besteht, verändern Frontalhirnschäden die Urteilsbildung, die bei intaktem Gehirn in diesen Fällen spannungsreich bis quälend verläuft, in Richtung Gefühlskälte.

Marc Hauser hat zu dem gesamten Themenkomplex übrigens kürzlich ein vielbeachtetes Buch veröffentlicht: „Moral Minds – How Nature Designed Our Universal Sense of Right and Wrong“ (hier die gesammelten Reviews; in der NY Times von dem Philosophen Richard Rorty, mit einer Antwort von Hauser).

ScienceDaily schlussfolgert aus den Studienergebnissen, bei moralischen Entscheidungen seien wenigstens zwei neurale Systeme involviert: eines, an dem Emotionen beteiligt sind, und ein anderes, das eine nüchterne Kosten-Nutzen-Abwägung durchführe. Ersteres sei bei den sechs VMPC-Patienten zerstört, letzteres intakt.

Die Implikationen der Studie seien weitreichend, so das Online-Magazin, denn sie zeige, dass die Neurowissenschaften möglicherweise in der Lage sind, verschiedene Philosophien auf ihre Kompatibilität mit der menschlichen Natur zu testen.

Roth und Singer lassen grüßen. Habermas und Kollegen würden sich die Haare raufen wegen einiger Kurz- und Trugschlüsse, die hier am Werk sind. (Wird fortgesetzt.)

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6 Antworten to “Philosophische Theorien zum Neuro-TÜV? (1)”

  1. Markus Wichmann Says:

    Den besten mir bekannten Bericht über die Studie bringt ORF.at („Neues aus der Wissenschaft“).

    Es gibt zahlreiche Leserkommentare, wie z.B.
    – „Ein kleiner Defekt im vorderen Hirn und futsch ist die Seele.“
    – „Demnach müsste der Hirnschaden am Frontallappen Volkskrankheit Nr. 1 sein.“

  2. Markus Wichmann Says:

    Einer der bekanntesten Hirnforscher, der sich mit der Thematik von Emotionen und Vernunft bei moralischen Entscheidungen befasst, ist Joshua Greene. Auf seiner Homepage findet sich ein kurzer Einführungstext zu „Moral Dilemmas and the ‚Trolley Problem'“, mit Zeichnungen veranschaulicht. Außerdem zahlreiche seiner Artikel zum Download – wie dieser.

  3. Ingo Bading Says:

    Vielen Dank für diesen Beitrag.

    Marc Hauser finde ich interessant – und sei es auch nur wegen einiger seiner noch viel einfacheren „Versuchsanordnungen“:

    http://studgen.blogspot.com/2007/02/children-have-inborn-morality-and.html

  4. religo Says:

    Interessante Ansätze, leider sind diese nicht sehr aussagekräftig ohne zu wissen was die Ursache der VPMC Schädigung war. Regelt die Funktion die Struktur oder regelt die Struktur die Funktion.

  5. Monika Armand Says:

    @ Wichmann @ Religio

    Nach Damasio entwickelt sich die Struktur zunehmend über die Funktion. Bei Erwachsenen mit einer Schädigung muss demgemäß davon ausgegangen werden, dass die Funktion gestört ist, weil die Struktur zerstört wurde. Daher halte ich eine Übertragung von Forschungsergebnissen eines Klientels mit Hirnschädigungen grundsätzlich für sehr fragwürdig.

    Zitat aus Antonio R. Damasio: Der Spinoza-Effekt, List-TB., 3. Aufl. 2006:
    S. 80/81: „Der ursprünglich verantwortliche emotional besetzte Reiz bewirkt nämlich häufig den Abruf anderer, verwandter Reize aus dem Gedächtnis, die ebenfalls emotional besetzt sind…[..]Die Entwicklung von Emotionen verläuft also zweigleisig: Auf der einen Seite der Strom der mentalen Inhalte, der die auslösenden Reize der emotionalen Reaktionen mit sich führt, auf der anderen Seite die ausgeführten Reaktionen selbst, die die Emotionen konstituieren und letztlich zur Entstehung von Gefühlen führen. Die Kette, die mit der Auslösung von Emotionen beginnt und sich mit der Ausführung von Emotionen fortsetzt, geht dann weiter mit der Schaffung der körperlichen Entsprechungen für das Gefühl in den entsprechenden somatosensiblen Hirnreigionen.“
    und Seite 88:
    „[…]Der Grund dafür ist, dass wir durch assoziatives Lernen Emotionen und Gedanken zu einem komplexen wechselseitigen Netz miteinander verknüpft haben. Bestimmte Gedanken rufen bestimmte Emotionen hervor und umgekehrt. Auf diese Weise stehen die Ebenen der kognitiven und emotionalen Verarbeitung in ständiger Verbindung miteinander.“

    Und dies heißt übersetzt: Die Verbindung kann – je nach Schädigung auf völlig verschiedene Weise gestört sein – so dass Emotionsbruchstücke, keine Emotionen oder ggf. nur noch bestimmte Emotionen die Entscheidungen beeinflussen.

    Damasio würde im Übrigen selbst mit seinen Schlussfolgerungen nicht so weit gehen, wie dies manche Kollegen und „wissenschaftlichen“ Gazettenschreiber tun…….
    Zwar spekuliert Damasio in seinen Büchern auch, aber er trennt das, was durch Forschung belegt ist und was als reine Vermutung gelten kann. Nach dem Motto: further research is needed…

    Angesichts dieser Hintergründe ist die Vermutung: „dass die Neurowissenschaften möglicherweise in der Lage sind, verschiedene Philosophien auf ihre Kompatibilität mit der menschlichen Natur zu testen“ reine, in weiter Ferne liegende Spekulation. Dazu ist die Methodik für die Darstellbarkeit kognitiver Vorgänge überhaupt noch nicht vorhanden……… (http://www.neuropaedagogik.de/html/grenzen_.html)

  6. religo Says:

    „…..wenn der VMPC durch einen Tumor oder Schlaganfall in Mitleidenschaft gezogen wird….“

    Nun wie bereits gefragt: Was war zuerst, das Huhn oder das Ei?
    War zuerst ein emotionaler Schock, wodurch die Struktur (VMPC) in Mitleidenschaft gezogen wurde, oder wurde das mangelnde moralische Empfinden durch die Schädigung am VMPC bewirkt. Dies müsste zuerst geklärt werden, daher sind jegliche Schlussfolgerungen aus diesem Test höchst spekulativ.

    Andererseits gibt es auch Berichte, dass Menschen, welche nicht empfindungsfähig waren, sich durch blosse Vermittlung von Wertvorstellungen und Therapie zu einem verantwortungsbewussten Menschen wandelten. Falls der VPMC (Struktur) die Ursache von moralischem Empfinden ist, dürfte dies nicht funktionieren.


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