PsychoNeuro

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Weblog-Archiv für 23. März 2007

Philosophische Theorien zum Neuro-TÜV? (1)

Verfasst von Markus Wichmann am 23. März 2007

Eine von „Nature vorab online veröffentlichte Studie einer Forschergruppe um Antonio Damasio zieht in den Medien und einschlägigen Blogs große Aufmerksamkeit auf sich – und gibt mir die Gelegenheit, hier eines meiner Lieblingsthemen einzuführen: Die Implikationen von Ergebnissen der Hirnforschung für psychologische und philosophische Theorien, allgemeiner: für unser Menschenbild.

Zum wiederholten Mal untersuchten Hirnforscher die moralische Urteilsbildung von gesunden im Vergleich zu hirngeschädigten Testpersonen. Sechs der Probanden wiesen eine Schädigung des ventromedialen Cortex (VMPC) auf, einer ca. pflaumengroßen Region hinter der Stirn. Der Kollege MC vom Neurophilosophy-Blog hat das entsprechende Schaubild aus dem Originalartikel veröffentlicht – es handelt sich um den roten Bereich.

Sämtliche Versuchspersonen – gesunde, solche mit Hirnschäden anderer Regionen und die VMPC-geschädigten – wurden mit den gleichen Fragen konfrontiert, die jeweils eine moralische Komponente enthielten:

  • „Darf man ein Backrezept ändern, wenn man es so nicht mag?“ (Entspricht der 50-Euro Frage bei Jauch. Hier die 500-Euro-Frage:)
  • „Darf man eine schwere Skulptur von einer Brücke auf Bahnschienen stürzen, um damit 5 Gleisarbeiter vor einem herannahenden Schienenfahrzeug zu retten?“

Bei den Antworten auf Fragen wie diese, die keine schwerwiegenden emotionalen Konflikte auslösen, gab es zwischen den Gruppen keinerlei Unterschiede. Anders war es jedoch, wenn es sich um ausgesprochen unangenehme moralische Dilemmata wie das Trolley-Problem handelte:

  • Statt der Skulptur wäre ein neben einem stehender Fremder von der Brücke zu stürzen.
  • Man könnte einen Weichenhebel umlegen und würde so zwar die fünf Gleisarbeiter retten, nun aber einen anderen in den sicheren Tod schicken.
  • Ein Kranker will andere Menschen mit seiner tödlichen Krankheit anstecken. Würden Sie ihn erschießen, wenn dies die einzige Möglichkeit wäre, das zu verhindern?
  • Ein schreiendes Baby würde zahlreiche Menschen verraten, die sich vor feindlichen Soldaten verstecken. Alle könnten nur gerettet werden, wenn man das Baby töten würde. Würden Sie’s tun?

(Hier die gesamte Liste aller in dem Experiment verwendeten Fragen.)

Es zeigte sich, dass die VMPC-geschädigten Versuchspersonen auch die emotional konfliktreichen Fragen meistens nach rein „rationalen“ Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten entschieden und damit auch keine emotionalen Schwierigkeiten hatten. Aber eben nur diese Teilnehmer blieben cool – bei allen anderen lösten Fragen der zweiten Art drastische Gefühlskonflikte aus. Fazit: Den VMPC-Geschädigten fehlt ganz offensichtlich die entsprechende emotionale Empfindungsfähigkeit.

„Auch im täglichen Leben fehlen ihnen soziale Emotionen wie Empathie und Mitgefühl“, beschreibt Ralph Adolphs, Professor für Psychologie und Neurowissenschaft, dem amerikanischen Wissenschaftsmagazin ScienceDaily die Funktionsausfälle, die zu beklagen sind, wenn der VMPC durch einen Tumor oder Schlaganfall in Mitleidenschaft gezogen wird. Normalerweise blockiere uns Menschen ein Gefühl von Aversion, uns gegenseitig etwas zu Leide zu tun -“a combination of rejection of the act (…) with the social emotion of compassion for that particular person“, ergänzt Antonio Damasio. (Die zahllosen Fälle, in denen uns Menschen dies Aversionsgefühl auch ohne nachgewiesenen Hirnschaden abhanden kommt, erwähnt er nicht.)

Die Erkenntnisse der Studie werden sodann in größere Zusammenhänge gestellt. „Die Frage ist, ob soziale Emotionen für moralische Urteilsbildung notwendig sind“, meint Adolphs. Es gehe um den „jahrhundertealten Streit, ob die Ratio oder Emotionen das moralische Empfinden lenken“, kommentiert die Süddeutsche Zeitung. „The study’s answer will inform a classic philosophical debate on whether humans make moral judgments based on norms and societal rules, or based on their emotions“, so ScienceDaily. „Moral kommt nicht ohne Gefühl aus“, fasst Spiegel Online das Ergebnis zusammen. (War uns das nicht schon immer irgendwie klar?)

„Aber nicht in allen Fällen hängt moralisches Nachdenken so stark von Emotionen ab“, differenziert Marc Hauser, Mitautor der Studie und Harvard-Professor für Psychologie und Biologische Anthropologie, gegenüber ScienceDaily. Die bei moralischen Alltagsfragen oft ausreichende rationale Problemlösungsfähigkeit bleibe bei den VMPC-Geschädigten weitgehend intakt. Nur wenn ein Konflikt zwischen einer emotional aversiven Tat und einem – unter rein utilitaristischen Gesichtspunkten betrachtet – nützlichen Handlungsergebnis besteht, verändern Frontalhirnschäden die Urteilsbildung, die bei intaktem Gehirn in diesen Fällen spannungsreich bis quälend verläuft, in Richtung Gefühlskälte.

Marc Hauser hat zu dem gesamten Themenkomplex übrigens kürzlich ein vielbeachtetes Buch veröffentlicht: „Moral Minds – How Nature Designed Our Universal Sense of Right and Wrong“ (hier die gesammelten Reviews; in der NY Times von dem Philosophen Richard Rorty, mit einer Antwort von Hauser).

ScienceDaily schlussfolgert aus den Studienergebnissen, bei moralischen Entscheidungen seien wenigstens zwei neurale Systeme involviert: eines, an dem Emotionen beteiligt sind, und ein anderes, das eine nüchterne Kosten-Nutzen-Abwägung durchführe. Ersteres sei bei den sechs VMPC-Patienten zerstört, letzteres intakt.

Die Implikationen der Studie seien weitreichend, so das Online-Magazin, denn sie zeige, dass die Neurowissenschaften möglicherweise in der Lage sind, verschiedene Philosophien auf ihre Kompatibilität mit der menschlichen Natur zu testen.

Roth und Singer lassen grüßen. Habermas und Kollegen würden sich die Haare raufen wegen einiger Kurz- und Trugschlüsse, die hier am Werk sind. (Wird fortgesetzt.)

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